Eine Ranch in Kanada
Johanna Baer • 17. April 2026
Über Kälber, Kanadische Kultur und Kommunikation

Ich reise gerne. Aber noch viel lieber arbeite ich auf meinen Reisen an interessanten, abgelegenen, alternativen Orten, um die Menschen, die Kultur und die jeweilige Landwirtschaft richtig kennenzulernen. Jeder dieser Aufenthalte, sei es über Plattformen wie Workaway (Arbeiten in kleineren Betrieben oder Aushelfen bei Familien), HelpX oder Wwoofen (nur Bio-Höfe) bietet einem im besten Fall die Möglichkeit bei Einheimischen zu leben und zu arbeiten. Oft arbeitet man für circa fünf Stunden fünf Tage die Woche für Kost und Logis mit, manchmal gibt es auch bezahlte Stellen. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, dass ich jetzt mit 35 dringend eine bezahlte Stelle brauche und habe monatelang nach einer Ranch gesucht, die bestenfalls Rinder und Pferde hat. Mit dem großen Ziel, dass ich am Ende des Aufenthaltes, eine Kuhherde mit meinem Pferd treiben kann.
Drei Wochen nach meiner ersten Ranch kann ich sagen: ich wurde bezahlt, ich hatte eine warme Unterkunft, immer jede Menge gutes Essen, aber ich habe leider nicht reiten gelernt, denn es war schlichtweg zu kalt und die Pferde sind damit beschäftigt ihr Gewicht zu halten, auch ohne Reiten. Außerdem war die Hochsaison der Kalbungszeit und keiner der Chefs auf der Ranch hatte auch nur ansatzweise Zeit, mir das Reiten beibringen, geschweige denn, während der ersten zwei Wochen mehr als einige Sätze mit mir zu wechseln, die über die Arbeit hinausgingen.
Das Schöne war, dass ich sowohl eine andere deutsche Reisende, Annelie, dort getroffen habe, die mir alles gezeigt hatte, was sie in den letzten zwei Wochen auf der Ranch gelernt hatte und mit der ich dann viele Aufgaben gemeinsam absolviert habe. Und die dortige Schwiegertochter in spe, die ebenfalls in Teilzeit neben ihrem Studium der regenerativen Landwirtschaft auf der Ranch arbeitet, war mit ihren 19 Jahren ein absoluter Schatz, denn sie hat sehr viel mit uns gesprochen, wir haben einen spontanen Mädlsabend mit Musikaustausch und Yoga-Session gemacht und sie hat uns viel über das kanadische Ranchleben erzählt.
Auf dieser Ranch selbst leben normalerweise nur die zwei seniors, Mutter und Vater von der Chefin, die jetzt mit ihrem Mann die Ranches von sich und den Eltern zusammen führt. In der restlichen Saison wird auf einer anderen Ranch, eine Meile weiter runter an der Straße gearbeitet und gewohnt. Zur Kalbungszeit sind aber alle auf dieser ersten Ranch. Grundsätzlich arbeiten für die Familie noch ein Work and Traveller aus Neuseeland, der inzwischen in Anahim Lake wohnt, eine Schweizerei, selber Fall, und ein langjähriger einheimischer Mitarbeiter – drei Personen ungefähr in meinem Alter, die ebenfalls sehr nett waren und mir versucht haben, alle meine Fragen zu beantworten und mir ein bisschen was von der Region zu zeigen. Allerdings bin ich wirklich mitten in der anstrengendsten Zeit gekommen, es wurden Tag und Nacht ständig Kälber geboren und somit vor allem gearbeitet. Das bedeutet konkret: Wir haben die zwei großen Gehege überwacht, in der einmal die älteren und einmal die jüngeren Kühe waren, um zu sehen, ob jemand demnächst kalbt. Dafür gibt es bestimmte Anzeichen, zum Beispiel Absondern von der Herde, Nervosität, der Schwanz steht in die Höhe, das Euter ist sehr voll und das Gewicht im Bauch verlagert sich nach hinten oben. Die so identifizierten Kühe kamen dann in kleine Gehen nebenan und man wartete, ob erst zwei Füße, dann der Kopf und schließlich das ganz Kalb rauskommt. Bei Kühen, wo sich nur ein Fuß zeigt, oder die Kuh sehr lange für die Geburt benötigt, wird sie in einen Stall geholt und festgemacht, so dass man bei der Geburt helfen kann. Sprich, mit kleinen Eisenketten und weiten des Geburtskanals das Kalb mit vereinten Kräften herausziehen. Das durfte ich auch mal machen und ich habe unsere Chefin nach zwei Wochen zum ersten Mal richtig Lachen hören, als ich dabei leider auch die komplette Kuhscheiße abbekommen habe. Danach wurde ich zum respektierten Teil des Teams, glaube ich.
Nach der Geburt geht die Überwachung weiter, das Kalb muss innerhalb der ersten zwei Stunden die erste Milch, das Kolostrum, trinken, wenn es das nicht tut, versucht man ihm quasi die Zitzen in den Mund zu stecken, damit es checkt, wie das Saugen geht. Das ist nicht so einfach, denn diese Art von Kühen ist völlig anders als unsere netten Milchkühe, die menschlichen Kontakt gewöhnt sind. Normalerweise weicht eine Ranch-Kuh sofort zurück, wenn man sich ihrer Schulter bis auf eineinhalb Meter nähert. Das macht zwar das Treiben sehr viel einfacher und planbarer, aber wenn man das Kalb an das Euter bringen will, wird es schwierig. Manchmal reicht ein Korb Getreidekörner, manchmal muss die Kuh zurück in den Stall zum Festmachen.
Wenn alles klappt, machen die älteren Kühe, die schon mehrere Geburten hinter sich haben, einen super Job und kümmern sich um ihre Kälber. Die jungen Kühe hingegen, muss man oft daran erinnern, dass sie ein Kalb haben, wo sie es abgelegt haben und dass sie es wiedererkennen. Das bedeutet, dass ich in den letzten drei Wochen jeweils morgens und abends bis zu einer Stunde lang versucht habe, störrische Kälbchen zu störrischen Müttern zu schieben und eine Liste abzuhaken, wen ich schon allen als Paar zusammengebracht habe. Mit Annelie lief das super, vor allem, weil Annelie die Gabe hatte, alle Mutterkühe zu zählen, so dass wir immer wussten, ob die Anzahl zu den Namen passt. Ich habe das alleine nicht geschafft, aber gegen Ende wurden nur noch Kühe hinzugefügt und keine mehr auf die nächste Ranch weggebracht, wenn sie quasi gut erzogen waren ;-). Da waren es dann immer die gleichen Namen und ich habe täglich Kälberpopos inspiziert, um festzustellen, ob sie Durchfall haben. Das hatten immer wieder welche, diese haben dann Medikamente bekommen.
Außerdem gab es noch zwei entzückende Jersey Milchkühe, falls Kälbchen zu Waisen wurden oder die Mutter nicht genug Milch hatte. Als ich gefahren bin, hat eine der Kühe mit zwei adoptierten kleinen Angusrindern in einem Gehege gewohnt, die sich ihre super fetthaltige Milch geteilt haben. Die andere Milchkuh, ich habe sie umbenannt in „Patience“ hat immer wieder verschiedenen Kälbern zwischendurch Milch gegeben und wir durften bzw. mussten den Rest mit einer immer nicht gut funktionierenden Mini-Melkmaschine ausmelken. Notfalls auch per Hand und sie hat viele Liter Milch gegeben. Das Interessante war, dass sie auch nach einer halben Stunde (erst Kalb, dann Melkmaschine oder zwischendurch Wartezeit, weil es irgendwer verbummelt hat), total friedlich im Melkstand blieb und nicht mal mit dem Fuß gezuckt hat. Das habe ich noch nie erlebt, einmal habe ich sie einfach so, ohne Melkstand ausgemolken…sie ist einfach stehen geblieben und hat in Seelenruhe ihr Getreide gemampft.
Eine der Hauptaufgaben für uns als sogenannte Ranch Hands war das Öffnen von Heuballen, die von jemandem mit dem Traktor in die Gehege gefahren wurden. Klingt einfach und nett, ist aber meistens dreckig, eisig, matschig, durchaus gefährlich und staubig. Denn viele der Ballen waren keine in Plastik eingewickelte Silage-Ballen, denen man das Plastiknetz nur abziehen musste, sondern lagen mit dem Plastiknetz schon den ganzen Winter auf Eis und Schnee. Also musste man den riesigen Ballen an einer Seite aufschneiden, dann von der anderen Seite versuchen, die vereiste Unterseite irgendwie nach unten zu zerren und dann noch das Netz von oben herunterzuziehen. Besondern angenehm: wenn der Heuballen vorher durch den aufgeweichten Kuhscheiße-Mist-Matsch gezogen worden ist!
Nächste Aufgabe war Ausmisten der kleinen Kalbungsgehege. Ich mochte das eigentlich gerne, denn die Aufgabe war sehr klar: Kuhscheiße raus, neues Stroh rein, allerdings war die Scheiße in den ersten Tagen meistens am Boden festgefroren…aber manchmal hat einen das dort drin liegende Kälbchen auch gerne bei der Arbeit abgelenkt; um die Mistgabel zu inspizieren, oder sich streicheln zu lassen. Meistens waren sie aber eher scheu und haben darauf gewartet, dass ihre Mamas vom Fressen zurückkommen.
Dann wieder eine Runde gehen, um zu schauen, ob eine Kuh bereit ist zu kalben. Das war so die tägliche Routine, die uns morgens vier Stunden und am späten Nachmittag ebenfalls mindestens vier Stunden gekostet hat. Zu Sonder-Expeditionen komme ich in einem anderen Artikel…
Ich reise und arbeite prinzipiell gerne im Ausland, weil ich gerne neue Kulturen und Menschen kennenlerne. Das war in diesem Fall etwas schwieriger, denn alle, bis auf mich und Annelie und die nette Schweigertochter, haben fast ausnahmslos über die Arbeit gesprochen oder waren bei der Arbeit, Tag und Nacht. Außerdem gab es noch einen Krankheitsfall in der Familie, das hat die Situation sicher nicht leichter gemacht. Ich habe zu Beginn sehr an meinem Englisch gezweifelt, denn ich habe so gut wie niemanden verstanden. Ihr könnt euch ungefähr meine Verwundern vorstellen, als ich jetzt nach drei Wochen zu meiner Mitfahrgelegenheit in die nächste Stadt eingestiegen bin, den ich über zwei Stunden hervorragend verstanden habe ;-). Natürlich ist das Gewöhnung an die Sprache dabei, aber es scheint auch zur kanadischen Ranchkultur zu gehören, einsilbig oder in Kurzsätzen oder Halbsätzen, die Familienmitglieder wunderbar verstehen, zu kommunizieren. Ihr wollt nicht wissen, wie oft ich gefragt habe: "Could you say that again, please?"
Nächster Kulturunterschied: das Essen. Sagen wir mal, ich habe noch nie so viel Hackfleisch und Eier zu jeder Tageszeit gegessen. Es war völlig normal, dass es zum Frühstück für jeden mindestens zwei Spiegeleier, dazu entweder Würste oder Fleischpflanzerl gab, dazu so eine Art Riesen-Rösti, also geriebene Kartoffeln in der Pfanne mit Butter angebraten. Ich bin nur deshalb nicht völlig aus den Klamotten rausgeplatzt, weil ich irgendwann auf morgens Joghurt umgestiegen bin (ihr könnt euch die amüsierten Blicke vorstellen) und weil die Arbeit anstrengend war.
Wunderschön war, wenn abends einer der Söhne, der nur am Wochenende da war, weil er unter der Woche bei einer Gastfamilie in der Stadt vier Stunden weiter weg, in die Schule geht, seine Gitarre gepackt hat und Country-Songs gesungen. Ich habe selten jemand Talentierteren mit so einer angenehmen Stimme gehört. Die Stimmung war toll, leider war er nicht so oft da. Als die älteste Generation zwischendurch einige Tage zum Krankenhaus musste, haben wir jüngeren Mädels das Kochen und Backen übernommen und es wirklich schön, etwas zusammen zu machen und dann auch gemeinsam zu essen. Der Rest hat sich meistens nur kurz Teller geholt und ist wieder zum Arbeiten verschwunden. Das Haus stand uns komplett offen, wir durften nutzen in der Kühe und aus dem Vorratsraum, was immer wir wollten. Wir haben dafür auch natürlich auch für alle gekocht, abgespült und ein bisschen aufgeräumt, weil das einfach zu den Dingen gehört, bei denen man keine langen Erklärungen braucht.
Für mich war es eine neue Erfahrung alleine an einem Ort für längere Zeit zu sein, bei dem der Fokus der Gastfamilie nur auf der Arbeit liegt. Ich war sehr froh über Annelie und die anderen jungen Mitarbeiter, mit denen ich mich dann mehr unterhalten habe. Für mich scheint wohlwollende Kommunikation (mit Wörtern, egal in welcher Sprache) doch ein erheblich wichtiger Teil für mein Wohlbefinden zu sein, auch das gegenseitige Interesse füreinander und die Möglichkeit voneinander zu lernen, Neues zu erfahren und gemeinsam etwas zu erleben. Ich bin sehr froh, dass ich aber auch festgestellt habe, dass ich auch an einem Ort zurecht komme, wo das vielleicht nicht so sehr der Fall ist. Das ist dann kein Ort für mich, wo ich lange bleibe, aber wo ich dennoch eine gute Zeit haben kann, wenn es ein paar kommunikative Menschen gibt und wenn die Arbeit interessant ist. Vielleicht gibt es Menschen, die erst nach Wochen oder Monaten bereit sind, mehr über sich preiszugeben oder sich erst dann für das Leben anderer Menschen interessieren, wenn klar ist, dass diese langfristig bleiben. Oder die einfach in der Hochsaison keine Kraft oder Zeit dafür aufwenden können. Ich habe immer gedacht, dass es eine Frage der Persönlichkeit ist, ob und wie man sich für andere Menschen und Leben interessiert, weniger eine Frage der Zeit oder Dauer, wie lange man jemanden kennt. Vielleicht werde ich es auch nie herausfinden, weil ich meine Gedanken und Gefühle ziemlich auf der Zunge trage, um mich anderen Menschen verständlich zu machen. Und dasselbe gerne von ihnen erfahre, um sie verstehen zu können und ein gutes Miteinander zu finden. Manchmal freue ich mich auch, dass meine Neugier auf die Welt noch immer so groß ist, auch wenn ich nun schon mehr Lebensjahre und Erfahrung auf dem Buckel habe, als viele andere junge Reisende.
Es hat sich gelohnt, nach Kanada aufzubrechen, neue Menschen kennenzulernen, in einer sehr extensiven Landwirtschaft mitzuarbeiten, ein anderes Klima zu erleben und diesem zu trotzen, und die lieben Menschen, die ich kennen und schätzen gelernt habe zu treffen. Ich darf die junge Schwiegertochter in spe zitieren, der ich einen kleinen Abschlussbrief geschrieben hatte. Sie hat mir geantwortet:
„I am so glad, I got to meet you as well! Your work ethic, humor, outlook on the world, and kind heart is such an inspiration to me! […] Keep on rocking it and don’t forget what you came to do… explore, adventure, meet interesting people, and show the world who you are.“

Seit einer Woche bin ich alleine unterwegs - es fühlt sich gar nicht so lange an, weil ich so viel erlebt habe und so viele neue Eindrücke auf mich eingestürmt sind. Ich versuche das hier mal zu sortieren ;-) Anreise von München nach Vancouver Ganz früh in der Früh hat Tobi mich am letzten Montag zum Flughafen gefahren - was lange Zeit etwas unklar war, weil Tobi sich ja leider die Woche davor das Knie ordentlich verdreht, angerissen, gestaucht hat und wir die letzte Woche damit verbracht haben zu Orthopäden, MRTs und Sanitätshäusern zu fahren. Ich gebezu, dass ich mir manchmal gewünscht habe, schon im Flieger zu sitzen. Nicht, weil ich nicht gerne mit Tobi in Niederbayern bin, sondern weil wir doch mit manchen Lebensbereichen in den letzten Monaten viel Pech hatten und ich mir gewünscht habe, freier von Schwierigkeiten zu sein. Ein mehr als kaputtes Auto inklusive ständigem Pannenservice, Streitereien mit der Versicherung, eine Wohnungssuche, ein kaputtes Knie, viel Nebel, die Suche nach einem neuen Auto und diversen anderen lebensbeschwerenden Umständen habe ich mich danach gesehnt, für möglichst wenig verantwortlich zu sein. Tobi weiß das, wir würden diesen Lebensabschnitt nicht so gestalten, wenn wir uns nicht einig wären, dass es uns beiden hoffetnlich gut tun wird. Nur zur Versicherung, dass wir nach wie vor das Knuddel-Dreamteam-Wir-sind-am-liebsten-immer-zusammen-Pärchen sind. Jeder von uns erhält nur eine Auszeit von dem bisherigen Alltag. Ich in Kanada und Tobi in Niederbayern. Dennoch hat es sich seltsam angefühlt, alleine hinter der Sicherheitssperre am Flughafen zum Gate zu laufen. Ich bin einmal vorher alleine für die Arbeit geflogen, daher war es nicht ganz so komisch, aber doch sehr gewöhnungsbedürftig, wenn man nicht zusammen wartet, Toiletten sucht (jetzt muss man immer sein Zeug mit auf die möglichst größte Toilette, die man findet, nehmen), ich selbst mein Gepäck in die Abteile über den Sitzen hieven muss und es so still im persönlichen Plauderradius wird. Tatsächlich glaube ich, dass ich, wenn ich mit Tobi reise, mit mehr Menschen Kontakt aufnehme. Ich dachte immer, ich hätte total authentisch immer dieselbe Persönlichkeit - wenn ich alleine unterwegs bin, genauso wie wenn wir zu zweit reisen -, aber scheinbar bin ich deutlich schüchterner und zurückhaltender alleine. Ich suche gar nicht unbedingt die Gesellschaft anderer oder erst nach einer gewissen Zeit. Vielleicht zeichnet sich eine Partnerschaft dadurch aus, dass es diesen einen Menschen gibt, dessen N ähe selbstverständlich ist, den man immer um sich herum haben will oder haben kann, bei dem man sich keine Mühe machen muss für ein schweigendes oder ein kommunikatives Miteinander. Früher habe ich immer Menschen um mich herum gesucht, jetzt merke ich, dass ich gerne Zeit und Ruhe für mich habe. Erstaunlich. Der Flug von München nach Paris war ziemlich ereignislos, in Paris musste ich mein Gepäck abholen und hatte meinen ersten hochinteressanten Kulturschock. Die Rollbänder der Gepäckabholung waren umrandet von arabisch gekleideten Menschen, sehr viele Kopftüchern, Kaftanen, riesigen Koffern und arabisch beschrifteten Paketen, die alle sehr ähnlich aussahen. Ich habe das durch die Bilderkennung gejagt, weil ich neugierig war. Es hat sich herausgestellt, dass viele dieser Menschen frisch aus Mekka kamen und heiliges Wasser in Kartons importiert haben. Ein französisches Ehepaar, das zwei Monate in Asien war, war völlig überfordert von all den Menschen - ich befürchte, sie haben keine besonders netten Kommentare gemacht über "Fremde" in Frankreich. Ich habe versucht, ihnen zu sagen, dass ich verstehe, dass alles "Fremde" einem erstmal Angst macht (so sind wir Menschen eben), aber das es eigentlich sehr schön ist, welche kulturelle Vielfalt am Pariser Flughafen ist. Ich fand es jedenfalls deutlich spannender und interessanter als die Business-Anzugträger am schicken Münchner Flughafen. Außerdem haben mich diese Pakete schwer an das Weihwasser aus Lourdes erinnert, das Tobi und ich mitgenommen hatten. Die Menschheit mag auf den ersten Blick total unterschiedlich sein, auf den zweiten Blick haben wir aber sehr ähnliche Bräuche, die absolut selben Hoffnungen für ein gutes Leben und im besten Fall kommen wir alle gut miteinander aus. In Paris hatte ich eine lange Umstiegszeit, die ich auch noch außerhalb der Sicherheitssperre verbringen musste. Für den teuersten Kaffee meines Lebens habe ich mir einen Platz in einem Flughafen-Café gesichert und erstmal einige Telefonate geführt, die ich schon lange auf der Agenda hatte. Von München ging es mit einem Neun-Stunden-Flug nach Calgary und ich hatte mich noch so gefreut, dass ich mega schlau nach dem Sitz am Notfallausgang ergattert habe. Nie wieder, sage ich euch, erstens steht da immer die Schlange vorm Klo, die Leute machen Dehnübungen und dann hat sich auch noch eine osteuropäische Reisegruppe lauthalts festgequatscht, als ich grad schlafen wollte. Beinfreiheit hin oder her, das nächste Mal nehme ich lieber meine Ruhe! In Calgary hieß es dann, dass ich noch hier an diesem Flughafen meine Einreisepapiere und meine Arbeitserlaubnis checken lassen muss, so dass ich schon dezent Panik entwickelt habe, dass ich meinen Flug nach Vancouver verpasse. Vor allem, als der Immigration Officer gefragt hat, ob ich denn nicht meinen medizinischen Check gemacht habe für das Arbeitsvisum. Eine sehr fiese lange Minute hat er dann seine eigene Webseite gecheckt und Entwarnung gegeben, dass ich das (so wie ich das auch gecheckt hatte vor einem Jahr, aber mich nicht mehr so gut erinnern konnte) nicht brauche. Puh!!! In Calgary am Flughafen war es dann so schön, dass jemand in der Ankunftshalle Indie-Country-Musik gespielt hat, das hat eine so schöne Atmosphäre gemacht und ich habe mich sehr fröhlich willkommen geheißen gefühlt. Jetzt der Schnelldurchlauf für Vancouver ;-). Ich hatte ein nettes Air Bnb, wo ich gleich in der Früh beim Frühstück eine nette Kanadier-Chinesin getroffen habe und wir so ein nettes internationales Gespräch geführt haben. In Richmond, der Stadt direkt unterhalt von Vancouver, wo meine Unterkunft war, sind ungefähr neunzig Prozent der Bevölkerung asiatisch oder asiatischer Abstammung. Egal, ob auf der Behörde, wo ich meine Sozialversicherungsnummer in weniger als einer halben Stunde erhalten habe, oder bei der Bankfiliale, wo ich ein Konto aufgemacht habe - ebenfalls super schnell und super freundlich - oder in allen Restaurants, wo dann tatsächlich auch Chinesisch gesprochen wird (mit allen außer mir und noch zwei westlich aussehenden Personen ;-). Mit dem Skytrain, einer Art S-Bahn, die entweder auf einer Trasse über den Straßen oder unterirdisch fährt, bin ich dann ins Zentrum von Vancouver. Es wird oft von Vancouver geschwärmt, wie schön die Stadt liegt, am Meer, umrahmt von Bergen, mit einer Art "Altstadt" - mir hat das irgendwie nicht so eingeleuchet. Cool sind die Wasserflugzeuge, die man starten sieht, aber Wolkenkratzern und ein paar wenigen kleineren Häusern und Pubs in einer Straße kann ich einfach nicht so viel abgewinnen. Historische Altstädte mit Häusern aus verschiedensten Baustilen, mit Kirchen, Palästen, Gärten oder kulturellen Gebäuden liegen vielleicht eher in meiner DNA bei der Bewertung von schönen Städten. Interessant war übrigens auch die Erfahrung, alleine in Cafés oder im Restaurant zu sitzen, zumal ich meistens mein Handy den Kellner*innen zum Aufladen in die Hand gedrückt habe. Dann saß ich auf einmal alleine, ohne Handy da. Das war sowas von ungewohnt, weil ich gar nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte. Ich bin dazu übergegangen, meine Umgebung viel mehr wahrzunehmen; wer neben mir sitzt, wer vorbeiläuft, wie die Häuser gebaut sind, wie schön warm die Sonne durchs Fenster scheint und nebenbei meinem Gedanken nachzuhängen. Es war irgendwie sehr entschleunigend und beruhigend. Die Beruhigung hatte ich nötig, dann am nächsten Tag sollte es dann mit einem winzigen Flugzeug in den Norden, nach Anahim Lake gehen...inklusive angekündigtem Schneesturm und lediglich einem Namen von der Familie von der Ranch, wo ich hinwollte. Keine Adresse, Minus 15 Grad in der Früh angekündigt und eine ORtschaft mit 82 Einwohner*innen. Aber davon beim nächsten Mal mehr ;-)

Am zweiten Januarwochenende hat mir Tobi auf einer sehr lustigen Familienfeier jemanden mit den Worten vorgestellt: da ist jemand ein Fan von uns 😊. Und mir ist das Herz aufgegangen. Uns hatten auf dieser großen Feier von Tobis großem Bruder schon einige Menschen gesagt, wir toll sie unsere Erlebnisse und Unternehmungen finden. Mit am nettesten war die Begrüßung: „Oh Tobi, der Kleine! Du bist genau wie früher und bringst allen Schnaps“, denn Tobi war damals in der Musikkapelle immer einer der Jüngsten gewesen. Dass er nun fast alle überragt, hat niemanden davon abgehalten, in den Kleinen zu nennen und völlig überrascht zu sein, dass er schon seit über sechs Jahren verheiratet ist… Aber zurück zu unserem Fan 😊. Es hat sich herausgestellt, dass die liebe Bekannte immer so gerne unsere Berichte und kleinen Posts liest und sich richtig darüber freut, wenn wir etwas schreiben. Das war so schön zu hören, denn oft sitze ich vor meinem PC und frage mich, wer das liest und ob das überhaupt Sinn macht, zu schreiben. Es ist zwar in jedem Fall auch wie ein bisschen ein Tagebuch für uns, aber als Buch wollte es bisher auch keiner herausbringen. Also wird es wohl einfach weiter ein Blog sein, aber einer, den ich auch wieder mehr wertschätze, weil ich weiß, dass es doch einige liebe Menschen gibt, die ihn gerne lesen! Das Jahr 2025 haben wir kaum etwas geschrieben, also werde ich jetzt einen kurzen Jahresdurchgang machen. Vom Obstbäumeschneiden in Niederbayern über wunderschöne arbeitsreiche Monate auf einer Schweizer Alp und einer kleinen Tour de France, die schließlich in eine echte Auszeit in der Bretagne gemündet ist. Winter und Frühling Vielleicht passt Winter und Frühling ganz gut zu den beiden Orten, an denen wir in den ersten Monaten des Jahres 2025 gearbeitet haben. Einerseits war Tobi in einem Seminarhaus an unserem damaligen Wohnort tätig, andererseits haben wir beide beim Streuobstbetrieb Stöckl in Niederbayern gearbeitet. Es fällt mir schwer über die frostige, winterliche Zeit am ersten Ort zu schreiben, denn es hat sich herausgestellt, dass dort nicht der richtige Ort für uns war. Auch wenn wir dort viele sehr nette Menschen kennengelernt haben und im Jahr zuvor einen ganzen kleinen Gemüsebetrieb aufgebaut haben (mit Gewächshaus und Businessplan etc.), haben manche Begegnungen dazu geführt, dass wir sehr traurig und psychisch heftig angegriffen nach einem anderen Wohn-, Arbeits- und Lebensort gesucht haben. So viel zu diesem Winter-Teil, wer mehr wissen möchte, darf sich gerne direkt an uns wenden! Der parallel verbrachte Frühling bei Familie Stöckl in Niederbayern, so nennen ich es jetzt mal, auch wenn es manchmal fünf Grad und Nieselregen waren, haben uns oft über die schwierigen Zeiten weitergeholfen. Gemeinsam bei Sonne, Regen, Wind und Wetter die Obstbäume in Zentralbayern so zu schneiden, dass sie optimal wachsen und qualitativ hochwertige Früchte tragen, hat im gemeinsamen Team immer Freude gemacht. Selbst wenn man mit der Mistgabel dem Anhänger hinterherläuft, um den Mist auf der 2 Hektar großen Wiese unter den Bäumen mit Schwung zu verteilen, ist die Arbeit immer wohltuend, nie stressig, aber durchaus herausfordernd und vor allem sehr zufriedenstellend gewesen. Auch die Tage, die ich im Büro verbracht habe, habe ich in guter Erinnerung. Nicht nur, weil immer ein Kaffee und ein Schwätzchen in der Küche mit jemandem aus der Familie möglich ist, sondern auch, weil es ich zwar nach wie vor eine sitzende Tätigkeit vor einem Bildschirm nicht mag, aaaaaaber die Verwaltung eines Betriebs nun einmal sein muss und ich dabei einen Beitrag leisten kann. So nutzt das Computer- und Verwaltungswissen einem guten Zweck und Selbstwirksamkeit hat ja noch keinem geschadet! Der wirtschaftliche Streuobstanbau ist für mich ein Betriebszweig, der wirklich Sinn macht – dort werden Umweltschutz und regionale Lebensmittelversorgung, lokal verfügbare Arbeitsplätze mit hohem Weiterbildungs- und Verwirklichungspotential und der Schutz der Biodiversität zukunftsfähig zusammengedacht. Außerdem haben wir die lustigste Fortbildung unseres Lebens gemacht und sind jetzt Staatliche geprüfte Obstbaumpfleger. Nach vier Ausbildungswochenenden in Passau, so viel Lachen, wie man sich niemals vorstellen kann, ein paar geschnittenen Bäumen, einer saftigen Prüfung haben wir Freunde fürs Leben gefunden und dürfen jetzt ganz offiziell Förderungen aus dem Streuobstpakt beantragen…(oder so ähnlich). Wir haben lange überlegt, ob wir nicht gleich nach Niederbayern ziehen und zu echten Streuobst-Mit-Bauern werden, aber der Drang, nochmal etwas Neues kennenzulernen, war dann doch größer und wir haben uns ziemlich spontan eine Schweizer Alp gesucht. Denn auf die Frage, was wir am liebsten arbeiten, lautet die Antwort scheinbar alle paar Jahre wieder: „Zwischen Kühen sitzen!“ Deshalb haben wir Anfang Mai unser Hab und Gut in einen Container geräumt (Spoiler-Alarm, dort ist es noch immer!) und den Rest in unser Auto gepackt. Auf dem Weg in die Schweiz, wo wir bereits erwartet wurden, denn die Kühe waren dank des milden Frühlings schon ohne uns auf der Alp, ist uns unser Auto mitten auf der Bundesstraße ausgegangen. Wir dachten beide, wir spinnen. Nach super stressigen Umzugs-/Putz-/Erledigungstagen hatten wir alles in das Auto gequetscht und dann geht es einfach aus. Und es war leider keine einfache Panne, sondern der Motor war kaputt. Ja, richtig gehört, Zahnriemen gerissen, kurz nach der Gewährleistungsfrist und keine Werkstatt, die das so einfach richten kann. Kostenaussicht 5.-10.000€. Wir waren mental so fertig, dass wir eigentlich gar nicht mehr wussten, ob wir lachen oder weinen sollen. Gottseidank neigen wir beide in solchen Situationen nicht zum Verzweifeln, sondern zum sofortigen Handeln und so waren wir ein paar Stunden nach der Panne, in einem zu kleinen Mietwagen mit nur der Hälfte von unserem Zeug, auf der Autobahn Richtung Schweiz. Völlig ungeplant haben wir dann die Nacht mal wieder bei unseren lieben Freunden auf einem Schafshof bei Mindelheim verbracht, zum Weiterfahren war es einfach zu spät. Und am nächsten Tag waren wir in der Schweiz – auf der Alp – und sind dort eingezogen. Das Drama, wie unser Auto schließlich doch noch repariert worden ist, wie der Mietwagen NICHT zurück an den richtigen Abgabeort gekommen ist und wie sehr wir uns mit der Autovermietung gestritten haben, lasse ich an dieser Stelle aus. Sonst rege ich mich zu sehr auf und ich glaube, das habe ich damals schon genug getan. Seltsamerweise wird alles irgendwann gut – auch wenn es uns zwei Monatsgehälter gekostet hat. Das ist wohl der Preis für das Alles-Gut-Werden, aber im Grunde genommen – und das habe ich von Tobi gelernt – ist es „nur Geld“. Nicht unsere Gesundheit, nicht ein schlimmer Unfall und nicht unser Lebensglück. Zum Thema Geld, ich glaube, das ist ein wichtiges Thema, gerade bei „Weltreisenden“ oder wie sie gesehen werden 😊. Es mag sie geben, die Menschen, die mit null Euro Startguthaben oder auch nur mit 2000 Euro auf dem Bankkonto um die Welt ziehen. Wir waren das nie und werden das auch nicht sein; denn finanzielle Sicherheit ist mir unglaublich wichtig. Die Frage, woher wir das Geld haben, so viel zu reisen oder nicht jahrelang demselben akademischen Job nachzugehen, hat viele Facetten. Die erste und wichtigste ist, dass wir beide unglaublich großzügige Eltern und Verwandte haben. Wir haben beide ein Studium finanziert bekommen, dazu teilweise auch noch die Mieten als Studenten und wirklich großzügige Geschenke zu Weihnachten, Geburtstagen oder auch einfach sonst einmal. Dafür sind wir unendlich dankbar, denn das Glück, in Familien aufzuwachsen, die uns finanziell und emotional mehr als nur eine stabile Basis gegeben haben, ist weltweit sehr selten. Auch aus diesem Grund schreiben wir über unsere Erlebnisse – damit alle, die es gerne möchten, aber aus verschiedenen Gründen nicht können oder wollen, diese ein bisschen miterleben. Wenn wir das alles erleben dürfen und können, dann möchten wir es so vielen Menschen wie möglich auch zur Verfügung stellen. Dieser familiäre Grundstock hat es uns dann ermöglicht, zu sparen und wir sind während unserer Studien beide auch Studentenjobs nachgegangen. Und schließlich haben wir beide gut bezahlte Jobs (für den sozialen Bereich 😉) gehabt, in denen wir einige Jahre lang gearbeitet haben. Auch wenn wir natürlich viel Geld für die Miete in München und Umgebung ausgegeben haben, pflegen wir außer unseren Reisen und gutem, ökologischem Essen keine kostspieligen Hobbies (okay, das mit dem Tauchen hätten wir nicht anfangen sollen, wenn es danach geht). Sagen wir mal, wie haben keinen kostspieligen alltäglichen Lebensstil – keine unnötigen Amazonbestellungen, kein Schmuck, keine schicken Autos, keine technischen Gadgets, wenig Klamotten und Schuhe, kaum Deko – wobei ich finde, wir haben eh unendlich Kram! – und vermutlich vergesse ich all die Dinge, an die wir einfach nie denken würden, sie zu kaufen. Also zum Beispiel auch kein Haus, kein Grundstück, kein Darlehen dafür und keine finanziellen familiären Verpflichtungen. Das Allerwichtigste finde ich, dass jeder das für sich macht/kauft/tut, was zu ihm passt. Bei uns sind es eben die Reisen, dafür aber viele andere Sachen nicht, die für andere Menschen wichtig sind. Bei all unseren Jobs achten wir darauf, dass wir genug verdienen, um unseren Alltag und die Zeiten der Reisen finanzieren können und nebenher noch etwas für die Rente zur Seite zu legen. Also nein, wir sind nicht die Mit-Null-Euro-Um-Die-Welt-Backpacker. So mutig (?) wären wir nie und wollen es auch nicht sein. Vielleicht ist damit das Geheimnis um unsere Weltreise-Geldbeutel gelüftet 😊. Da ich völlig vom Thema abgekommen bin, werde ich über die 22 gemütlichen Schweizer Milchkühe, das kleine Kälbchen und die Tonnen an Käse aus Miraculix Kupferkessel das nächste Mal schreiben! Ich freue mich, wenn ihr dabei seid!







