Nie hätte ich gedacht, dass...
Irre Situationen

Nie hätte ich gedacht,
Teil 1: Die Ranch
...dass ich mal mit einem Neuseeländer auf einem Quad durch den kanadischen Schnee fahre, einen Damm baue, um eine Felderüberflutung auf einer anderen Ranch zu vermeiden und dann eine verlassene Ranch auf der Suche nach wertvollen vergessenen Waffen durchsuche. Es war im Übrigen alles andere da: Meterware Plastikfolie, Betten, Kühlschränke, Bücher über seltsame Themen, alte Dosen, Reifen, Traktorteile etc. Aber kein Gewehr oder Pistole.
...dass ich mit einer Oma auf dem Traktor sitze und sie mich - mit Sauerstoffgerät in der Nase - durch die Gegend scheucht, um Heuballen zu öffnen.
...dass ich mit einer 19-jährigen Kanadierin und einer 23-jährigen Deutschen auf einer Ranch im kanadischen Nirgendwo abends Yoga mache.
...dass bei Minus 15 Grad Gummistiefel die beste Wahl für Schuhe sein könnten - und dass ich nach drei Wochen so eine fiese Druckstelle am Knöchel haben würde, dass ich lieber die Riesenlatschen von der Farm-Oma ausgeliehen hab.
...dass ich mich nach zwei Wochen auf der Ranch unglaublich freue, als es hieß, dass ich mit im die Stadt fahren darf.
...dass ich in dieser Stadt entgegen aller Warnungen ein Milchshake trinken soll und am Ende der sonst stille, zurückhaltende, einheimische Coworker von der Ranch das Essen vom ganzen Tisch zahlt und sich super lieb um seine kleine Patentochter kümmert.
...dass ich ein Schneemobil fahren darf und wie verdammt schwer das zu lenken ist!
...dass ich meinen ersten Baum fällen darf. Neuseeländer scheinen ein besonderes Talent zu haben, anderen Arbeit mit der Motorsäge zu erklären. Oder sie sind einfach sehr nett, ob in Neuseeland oder Kanada!
...dass ich mal mit einem kanadischen Farmer Heuballen zu 26 Stieren bringe, dabei Countrymusik höre, die grandiose Aussicht auf die Küstenberge genieße und am Ende der Hund in Rente mir helfen muss, die Stiere von meinem Plastiktüte wegzujagen, weil ich dafür zu freundlich bin. Und ich einen riesigen blauen Fleck am Allerwertesten habe.
...dass nicht nur ich beim Verabschieden etwas Wehmut empfunden habe - manche Menschen zeigen Emotionen wohl erst zum Verabschieden.
...dass ein Mitte 70jähriger Herr nach unserer stundenlang durchgequatschten Fahrt am nächsten Morgen an meiner Hotelzimmertür klopft, mir erklärt, dass er mich gerne auf seine Polo-Pferde-Ranch einladen würde, aber seine Frau so eifersüchtig ist.
Teil 2: Vancouver Island, der Norden
...dass am Ende der Welt, wo sich zweimal die Woche zwei Fähren treffen, eine boomende Bar steht, in der Karaoke gesungen wird und ich mich stundenlang über die Unterschiede von Buddhismus und Christentum in der persönlichen Lebensführung mit meinen Mitreisenden unterhalte.
...dass ich mal gut in einer Fähre in einem Bett schlafen würde! Und wir pünktlich ankommen.
...dass ich mich mit der grummeligsten Rezeptionistin (google bekannt in den Bewertungen!) anfreunde und sie mir die besten Tipps für Ausflüge in der Gegend anvertraut, die sie schwanger vor vierzig Jahren gemacht hat, und am Ende traurig ist, das sie an meinem Abreisetag leider nicht da ist.
...dass ich mit einem wildfremden Mann aus einer Bar in seinem Riesentruck zu einem der schönsten Strände der Welt fahre.
Ps: War ne tolle Erfahrung, er war ein super Gentleman und nicht jeder fremde Mann auf dieser Welt ist eine potentielle Gefahr...
...dass ich ein Anti-Bär-Spray in drei Läden suche, es schließlich finde und nach dem Kauf eine Mitarbeiterin zu mir sagt: "Ich würde das an Ihrer Stelle nicht benutzen - wenn der Wind falsch weht, können Sie nichts mehr sehen, nicht mehr atmen und Sie haben ein aggressives Raubtier vor der Nase..." Danke fürs Gespräch!
...dass mich andere Wanderer nach zwei Sätzen als Deutsche entlarven, ich meinen Akzent bedaure und sie dann sagen: "Nein, die Bären-Klingel hat dich verraten ;-)"
...dass ich alleine mit einem kostenlosen Stadt-Omi-Fahrrad auf einer Schotterstraße bergauf völlig verschwitzt versuche, einen entlegenen Strand auf einer Insel (Sointula) vor einer anderen Insel (Vancouver Island) zu erreichen, um dort Orcas zu sehen, die sich am Strand an den Steinen schubbern - ohne, dass ich die Fähre für den letzten Bus verpasse. Die Orcas have ich nicht gesehen, die Fähre habe ich erwischt. Den Weg habe ich verflucht...
...dass ich mich in jedem Bus zwischen dem Geruch von Cannabis und Alkohol entscheiden muss, der von meinen Mitfahrern ausgeht.
...dass ich mal in irgendeiner Stadt strande, weil tatsächlich kein öffentliches Verkehrsmittel mehr fährt und ich mein Ticket vergessen hatte rechtzeitig zu buchen. (BEIDES hätte ich nie gedacht.)
...dass ich mit einer kanadischen Chinesin im Reisebus auf Vancouver Island zuerst über das von Geschichte bedrückt wirkende Berlin und dann über das Verspeisen von Entenzunge spreche. Soll lecker sein.
Teil 3: Vancouver Island, der Süden
...dass ich in einer Dusche im Westen Kanadas unter freiem Himmel stehe und es auch noch warm ist; sowohl das Wasser als auch das Wetter.
...dass ich mal alleine ein Tinyhouse teste - aber hier sitze ich nun und versuche, sowohl die neugierige Katze abzuwehren, als auch das Riesenkanninchen, das vorbeigeschaut hat. Ps: ja, Tinyhäuser sind wirklich klein.
...dass ich mal mit einem krassen Elektro-Fahrrad meinen lieben Gastgebern Ali und Chris hinterherjage, die mit ihren nicht motorisierten Bikes schneller sind und mit mir zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung radeln!
... dass ich mal in einem kanadischen Einkaufszetrum Kaffee mit Lavendelsirup trinke (wie mir mal eine Freundin gesagt hat: "Man muss nicht alles probieren!") und dann in einem Mietauto mit meinem Schlafsack eine Nacht auf einem Campingplatz verbringe. Ohne das vorher groß zu planen, ohne Isomatte, ohne meinen lieben Mann, der eine halbe Stunde das Auto austariert für eine gerade Schlafposition (das hat mir wirklich gefehlt!!! Und ich habe schief geschlafen.), mit Angst vor Bären - und einer Parkrangerin, die mir genau erklärt hat, warum das hier nicht gefährlich ist, mit einer abenteuerlichen Klippenwandertour, für die mich mein Mann und meine Mama schimpfen würden und einem Sonnenuntergang über den rauschenden Wellen des Pazifik.
...dass ich Anfang Mai schon in zwei Seen auf Vancouver Island geschwommen bin und es wochenlang nicht geregnet hat.
...dass wirklich jeder in Kanada eine Schwester oder einen Bruder mit einer Farm hat und jeder mir nach zwei Minuten deren Telefonnummer gibt, damit ich dort endlich reiten lernen kann.
...dass ich mal super sauer auf Hühner bin, weil sie mein frisch gejätetes Gartenbeet auseinandergenommen haben. Am nächsten Tag hat Ali zu Chris gesagt: "Johanna has forbidden that we let the chickens out today ;-)"
...dass meine liebe Gastgeberin sich erst bei ihrer Versicherung erkundigt, ob ich ihr Auto fahren darf, und sie mir dann Schlafsack, Isomatte, Zelt, Kissen und Decken für meinen zweiten Übernachtungstrip einpackt, damit ich es diesmal bequemer habe.
...dass ich mal als magisch bezeichnet werde, weil ich gerne in anderer Leute Gartenbeeten Ordnung mache ;-).
...dass ich mich so sehr über Salami-Toast freue und ich Restaurants suche, die außer Burgern, Fisch-Tacos, Pommes und Nachos noch etwas anderes auf der Speisekarte haben.
...dass ich Ali meine Liebe für Kaffeepausen erklärt habe und als sie wissen wollte, um wie viel Uhr wir Kaffeepause machen, ich gesagt habe: "You will feel it - and if one of us feels it, the other one will feel it, too!" Großes Gelächter.
...dass mir Ali ihr Handy und ihr Facebookprofil überlässt, damit ich mit den Tipps von Chris ein Auto kaufen kann!
Um es kurz zu machen: ich bin mal wieder an einem Ort mit wundervollen Menschen gelandet. Ich verdiene nichts, ich lerne nicht reiten, ich kümmere mich nicht um Kühe, aber ich bin sehr glücklich.
Und vielleicht finde ich hier mit der Zeit eine weitere Ranch mit Pferden und Kühen, ein bisschen Erholung, viel Dankbarkeit, meine wiederkehrende Begeisterung für den Gemüseanbau, Freunde fürs Leben, gute menschliche Begegnungen und beeindruckende Lebensgeschichten. Beste Grüße von Vancouver Island!
Pps: Ali schneidert tolle, nachhaltige Kleidung und verschickt auch nach Deutschland! https://ancientfutures.ca/









