von Johanna Baer
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17. April 2026
Ich reise gerne. Aber noch viel lieber arbeite ich auf meinen Reisen an interessanten, abgelegenen, alternativen Orten, um die Menschen, die Kultur und die jeweilige Landwirtschaft richtig kennenzulernen. Jeder dieser Aufenthalte, sei es über Plattformen wie Workaway (Arbeiten in kleineren Betrieben oder Aushelfen bei Familien), HelpX oder Wwoofen (nur Bio-Höfe) bietet einem im besten Fall die Möglichkeit bei Einheimischen zu leben und zu arbeiten. Oft arbeitet man für circa fünf Stunden fünf Tage die Woche für Kost und Logis mit, manchmal gibt es auch bezahlte Stellen. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, dass ich jetzt mit 35 dringend eine bezahlte Stelle brauche und habe monatelang nach einer Ranch gesucht, die bestenfalls Rinder und Pferde hat. Mit dem großen Ziel, dass ich am Ende des Aufenthaltes, eine Kuhherde mit meinem Pferd treiben kann. Drei Wochen nach meiner ersten Ranch kann ich sagen: ich wurde bezahlt, ich hatte eine warme Unterkunft, immer jede Menge gutes Essen, aber ich habe leider nicht reiten gelernt, denn es war schlichtweg zu kalt und die Pferde sind damit beschäftigt ihr Gewicht zu halten, auch ohne Reiten. Außerdem war die Hochsaison der Kalbungszeit und keiner der Chefs auf der Ranch hatte auch nur ansatzweise Zeit, mir das Reiten beibringen, geschweige denn, während der ersten zwei Wochen mehr als einige Sätze mit mir zu wechseln, die über die Arbeit hinausgingen. Das Schöne war, dass ich sowohl eine andere deutsche Reisende, Annelie, dort getroffen habe, die mir alles gezeigt hatte, was sie in den letzten zwei Wochen auf der Ranch gelernt hatte und mit der ich dann viele Aufgaben gemeinsam absolviert habe. Und die dortige Schwiegertochter in spe, die ebenfalls in Teilzeit neben ihrem Studium der regenerativen Landwirtschaft auf der Ranch arbeitet, war mit ihren 19 Jahren ein absoluter Schatz, denn sie hat sehr viel mit uns gesprochen, wir haben einen spontanen Mädlsabend mit Musikaustausch und Yoga-Session gemacht und sie hat uns viel über das kanadische Ranchleben erzählt. Auf dieser Ranch selbst leben normalerweise nur die zwei seniors, Mutter und Vater von der Chefin, die jetzt mit ihrem Mann die Ranches von sich und den Eltern zusammen führt. In der restlichen Saison wird auf einer anderen Ranch, eine Meile weiter runter an der Straße gearbeitet und gewohnt. Zur Kalbungszeit sind aber alle auf dieser ersten Ranch. Grundsätzlich arbeiten für die Familie noch ein Work and Traveller aus Neuseeland, der inzwischen in Anahim Lake wohnt, eine Schweizerei, selber Fall, und ein langjähriger einheimischer Mitarbeiter – drei Personen ungefähr in meinem Alter, die ebenfalls sehr nett waren und mir versucht haben, alle meine Fragen zu beantworten und mir ein bisschen was von der Region zu zeigen. Allerdings bin ich wirklich mitten in der anstrengendsten Zeit gekommen, es wurden Tag und Nacht ständig Kälber geboren und somit vor allem gearbeitet. Das bedeutet konkret: Wir haben die zwei großen Gehege überwacht, in der einmal die älteren und einmal die jüngeren Kühe waren, um zu sehen, ob jemand demnächst kalbt. Dafür gibt es bestimmte Anzeichen, zum Beispiel Absondern von der Herde, Nervosität, der Schwanz steht in die Höhe, das Euter ist sehr voll und das Gewicht im Bauch verlagert sich nach hinten oben. Die so identifizierten Kühe kamen dann in kleine Gehen nebenan und man wartete, ob erst zwei Füße, dann der Kopf und schließlich das ganz Kalb rauskommt. Bei Kühen, wo sich nur ein Fuß zeigt, oder die Kuh sehr lange für die Geburt benötigt, wird sie in einen Stall geholt und festgemacht, so dass man bei der Geburt helfen kann. Sprich, mit kleinen Eisenketten und weiten des Geburtskanals das Kalb mit vereinten Kräften herausziehen. Das durfte ich auch mal machen und ich habe unsere Chefin nach zwei Wochen zum ersten Mal richtig Lachen hören, als ich dabei leider auch die komplette Kuhscheiße abbekommen habe. Danach wurde ich zum respektierten Teil des Teams, glaube ich. Nach der Geburt geht die Überwachung weiter, das Kalb muss innerhalb der ersten zwei Stunden die erste Milch, das Kolostrum, trinken, wenn es das nicht tut, versucht man ihm quasi die Zitzen in den Mund zu stecken, damit es checkt, wie das Saugen geht. Das ist nicht so einfach, denn diese Art von Kühen ist völlig anders als unsere netten Milchkühe, die menschlichen Kontakt gewöhnt sind. Normalerweise weicht eine Ranch-Kuh sofort zurück, wenn man sich ihrer Schulter bis auf eineinhalb Meter nähert. Das macht zwar das Treiben sehr viel einfacher und planbarer, aber wenn man das Kalb an das Euter bringen will, wird es schwierig. Manchmal reicht ein Korb Getreidekörner, manchmal muss die Kuh zurück in den Stall zum Festmachen. Wenn alles klappt, machen die älteren Kühe, die schon mehrere Geburten hinter sich haben, einen super Job und kümmern sich um ihre Kälber. Die jungen Kühe hingegen, muss man oft daran erinnern, dass sie ein Kalb haben, wo sie es abgelegt haben und dass sie es wiedererkennen. Das bedeutet, dass ich in den letzten drei Wochen jeweils morgens und abends bis zu einer Stunde lang versucht habe, störrische Kälbchen zu störrischen Müttern zu schieben und eine Liste abzuhaken, wen ich schon allen als Paar zusammengebracht habe. Mit Annelie lief das super, vor allem, weil Annelie die Gabe hatte, alle Mutterkühe zu zählen, so dass wir immer wussten, ob die Anzahl zu den Namen passt. Ich habe das alleine nicht geschafft, aber gegen Ende wurden nur noch Kühe hinzugefügt und keine mehr auf die nächste Ranch weggebracht, wenn sie quasi gut erzogen waren ;-). Da waren es dann immer die gleichen Namen und ich habe täglich Kälberpopos inspiziert, um festzustellen, ob sie Durchfall haben. Das hatten immer wieder welche, diese haben dann Medikamente bekommen. Außerdem gab es noch zwei entzückende Jersey Milchkühe, falls Kälbchen zu Waisen wurden oder die Mutter nicht genug Milch hatte. Als ich gefahren bin, hat eine der Kühe mit zwei adoptierten kleinen Angusrindern in einem Gehege gewohnt, die sich ihre super fetthaltige Milch geteilt haben. Die andere Milchkuh, ich habe sie umbenannt in „Patience“ hat immer wieder verschiedenen Kälbern zwischendurch Milch gegeben und wir durften bzw. mussten den Rest mit einer immer nicht gut funktionierenden Mini-Melkmaschine ausmelken. Notfalls auch per Hand und sie hat viele Liter Milch gegeben. Das Interessante war, dass sie auch nach einer halben Stunde (erst Kalb, dann Melkmaschine oder zwischendurch Wartezeit, weil es irgendwer verbummelt hat), total friedlich im Melkstand blieb und nicht mal mit dem Fuß gezuckt hat. Das habe ich noch nie erlebt, einmal habe ich sie einfach so, ohne Melkstand ausgemolken…sie ist einfach stehen geblieben und hat in Seelenruhe ihr Getreide gemampft. Eine der Hauptaufgaben für uns als sogenannte Ranch Hands war das Öffnen von Heuballen, die von jemandem mit dem Traktor in die Gehege gefahren wurden. Klingt einfach und nett, ist aber meistens dreckig, eisig, matschig, durchaus gefährlich und staubig. Denn viele der Ballen waren keine in Plastik eingewickelte Silage-Ballen, denen man das Plastiknetz nur abziehen musste, sondern lagen mit dem Plastiknetz schon den ganzen Winter auf Eis und Schnee. Also musste man den riesigen Ballen an einer Seite aufschneiden, dann von der anderen Seite versuchen, die vereiste Unterseite irgendwie nach unten zu zerren und dann noch das Netz von oben herunterzuziehen. Besondern angenehm: wenn der Heuballen vorher durch den aufgeweichten Kuhscheiße-Mist-Matsch gezogen worden ist! Nächste Aufgabe war Ausmisten der kleinen Kalbungsgehege. Ich mochte das eigentlich gerne, denn die Aufgabe war sehr klar: Kuhscheiße raus, neues Stroh rein, allerdings war die Scheiße in den ersten Tagen meistens am Boden festgefroren…aber manchmal hat einen das dort drin liegende Kälbchen auch gerne bei der Arbeit abgelenkt; um die Mistgabel zu inspizieren, oder sich streicheln zu lassen. Meistens waren sie aber eher scheu und haben darauf gewartet, dass ihre Mamas vom Fressen zurückkommen. Dann wieder eine Runde gehen, um zu schauen, ob eine Kuh bereit ist zu kalben. Das war so die tägliche Routine, die uns morgens vier Stunden und am späten Nachmittag ebenfalls mindestens vier Stunden gekostet hat. Zu Sonder-Expeditionen komme ich in einem anderen Artikel… Ich reise und arbeite prinzipiell gerne im Ausland, weil ich gerne neue Kulturen und Menschen kennenlerne. Das war in diesem Fall etwas schwieriger, denn alle, bis auf mich und Annelie und die nette Schweigertochter, haben fast ausnahmslos über die Arbeit gesprochen oder waren bei der Arbeit, Tag und Nacht. Außerdem gab es noch einen Krankheitsfall in der Familie, das hat die Situation sicher nicht leichter gemacht. Ich habe zu Beginn sehr an meinem Englisch gezweifelt, denn ich habe so gut wie niemanden verstanden. Ihr könnt euch ungefähr meine Verwundern vorstellen, als ich jetzt nach drei Wochen zu meiner Mitfahrgelegenheit in die nächste Stadt eingestiegen bin, den ich über zwei Stunden hervorragend verstanden habe ;-). Natürlich ist das Gewöhnung an die Sprache dabei, aber es scheint auch zur kanadischen Ranchkultur zu gehören, einsilbig oder in Kurzsätzen oder Halbsätzen, die Familienmitglieder wunderbar verstehen, zu kommunizieren. Ihr wollt nicht wissen, wie oft ich gefragt habe: "Could you say that again, please?" Nächster Kulturunterschied: das Essen. Sagen wir mal, ich habe noch nie so viel Hackfleisch und Eier zu jeder Tageszeit gegessen. Es war völlig normal, dass es zum Frühstück für jeden mindestens zwei Spiegeleier, dazu entweder Würste oder Fleischpflanzerl gab, dazu so eine Art Riesen-Rösti, also geriebene Kartoffeln in der Pfanne mit Butter angebraten. Ich bin nur deshalb nicht völlig aus den Klamotten rausgeplatzt, weil ich irgendwann auf morgens Joghurt umgestiegen bin (ihr könnt euch die amüsierten Blicke vorstellen) und weil die Arbeit anstrengend war. Wunderschön war, wenn abends einer der Söhne, der nur am Wochenende da war, weil er unter der Woche bei einer Gastfamilie in der Stadt vier Stunden weiter weg, in die Schule geht, seine Gitarre gepackt hat und Country-Songs gesungen. Ich habe selten jemand Talentierteren mit so einer angenehmen Stimme gehört. Die Stimmung war toll, leider war er nicht so oft da. Als die älteste Generation zwischendurch einige Tage zum Krankenhaus musste, haben wir jüngeren Mädels das Kochen und Backen übernommen und es wirklich schön, etwas zusammen zu machen und dann auch gemeinsam zu essen. Der Rest hat sich meistens nur kurz Teller geholt und ist wieder zum Arbeiten verschwunden. Das Haus stand uns komplett offen, wir durften nutzen in der Kühe und aus dem Vorratsraum, was immer wir wollten. Wir haben dafür auch natürlich auch für alle gekocht, abgespült und ein bisschen aufgeräumt, weil das einfach zu den Dingen gehört, bei denen man keine langen Erklärungen braucht. Für mich war es eine neue Erfahrung alleine an einem Ort für längere Zeit zu sein, bei dem der Fokus der Gastfamilie nur auf der Arbeit liegt. Ich war sehr froh über Annelie und die anderen jungen Mitarbeiter, mit denen ich mich dann mehr unterhalten habe. Für mich scheint wohlwollende Kommunikation (mit Wörtern, egal in welcher Sprache) doch ein erheblich wichtiger Teil für mein Wohlbefinden zu sein, auch das gegenseitige Interesse füreinander und die Möglichkeit voneinander zu lernen, Neues zu erfahren und gemeinsam etwas zu erleben. Ich bin sehr froh, dass ich aber auch festgestellt habe, dass ich auch an einem Ort zurecht komme, wo das vielleicht nicht so sehr der Fall ist. Das ist dann kein Ort für mich, wo ich lange bleibe, aber wo ich dennoch eine gute Zeit haben kann, wenn es ein paar kommunikative Menschen gibt und wenn die Arbeit interessant ist. Vielleicht gibt es Menschen, die erst nach Wochen oder Monaten bereit sind, mehr über sich preiszugeben oder sich erst dann für das Leben anderer Menschen interessieren, wenn klar ist, dass diese langfristig bleiben. Oder die einfach in der Hochsaison keine Kraft oder Zeit dafür aufwenden können. Ich habe immer gedacht, dass es eine Frage der Persönlichkeit ist, ob und wie man sich für andere Menschen und Leben interessiert, weniger eine Frage der Zeit oder Dauer, wie lange man jemanden kennt. Vielleicht werde ich es auch nie herausfinden, weil ich meine Gedanken und Gefühle ziemlich auf der Zunge trage, um mich anderen Menschen verständlich zu machen. Und dasselbe gerne von ihnen erfahre, um sie verstehen zu können und ein gutes Miteinander zu finden. Manchmal freue ich mich auch, dass meine Neugier auf die Welt noch immer so groß ist, auch wenn ich nun schon mehr Lebensjahre und Erfahrung auf dem Buc kel habe, als viele andere junge Reisende. Es hat sich gelohnt, nach Kanada aufzubrechen, neue Menschen kennenzulernen, in einer sehr extensiven Landwirtschaft mitzuarbeiten, ein anderes Klima zu erleben und diesem zu trotzen, und die lieben Menschen, die ich kennen und schätzen gelernt habe zu treffen. Ich darf die junge Schwiegertochter in spe zitieren, der ich einen kleinen Abschlussbrief geschrieben hatte. Sie hat mir geantwortet: „I am so glad, I got to meet you as well! Your work ethic, humor, outlook on the world, and kind heart is such an inspiration to me! […] Keep on rocking it and don’t forget what you came to do… explore, adventure, meet interesting people, and show the world who you are.“