Kuhliebe

Sennerin Hanni • 1. November 2022

Nach einem emotionalen Almabtrieb


Drei Wochen ist es jetzt her, dass wir nicht mehr im Berchtesgadener Land wohnen. Vor einigen Tagen sind wir aber noch einmal in die Ramsau gefahren und siehe da, auf einmal standen im Stall sechs neue kleine Kälbchen. Unsere Kühe haben endlich ihren Nachwuchs bekommen und sie sind tatsächlich zuckersüß. Ich durfte auch gleich zu ihnen, unsere Bäuerin hat schon das Gatter aufgehalten, damit ich gleich hineinschlüpfen konnte. Schon stand ich zwischen sechs niedlichen Kälbchen, die sofort begonnen haben, an mir herum zu schlabbern. Vorzugsweise haben sie an meiner Hose und dem Pullover gekaut oder an meinen Fingern. Der größte von den Kleinen hat mich ständig in den Bauch gehauen. Er wollte wohl alle Aufmerksamkeit, könnte man sagen, vermutlich ist es allerdings eher instinktiv, da Kälbchen normalerweise das Euter der Kuh anstupsen, um den Milchfluss anzuregen. Die zehn Minuten, die ich dort drin war, sind so schnell vergangen und jetzt wo wir wieder weggefahren sind, ist mir aufgefallen, wie sehr ich die Tiere und den nahen Kontakt zu ihnen vermisse. Jede Minute, die ich mit ihnen verbracht habe, hat mich glücklich gemacht.Aber im Alltag, wenn man mit dem Auto nach München fährt, sich im Tropeninstitut fünf Impfungen holt, zwischendurch noch versucht etwas zu essen zu bekommen und dann wieder mit dem Auto zum nächsten Termin jagt, dann vergisst man, wie schön die Zeit auf dem Hof war und man vergisst, wie glücklich, einen die Tiere machen. So glücḱlich, dass der Abschied sehr schwer fällt. Dazu ein paar Anekdoten vom Almabtrieb.


Gemessen am Weinen beim Abschied von unserem Almsommer unterscheiden sich Tobis und meine Art der Emotionalität erheblich; aber es zeigt die vielen Facetten unserer Zeit dort und wie wir an den Menschen, an dem Ort, an den Tieren und der ganzen Atmosphäre hier gehangen haben. Tobi hat quasi den gesamten Almabtrieb seine Tränen abgewischt – zwischen den unzähligen Videos, die er gedreht hat: vom Losgehen bei der Hütte, wo wir mit der ganzen Familie die Namen der Kühe gerufen haben, damit sie – stolz ihre wunderschönen riesigen Glocken tragend – uns Richtung Gatter folgen; vom Hinunterlaufen auf dem Wanderweg, bei dem ich genötigt wurde, vorneweg zu gehen („Geh fiere, Hanni!“), von unserem Bauern Seppi, der direkt hinter mir gegangen ist und die ersten Kühe leicht zurückgehalten hat, damit ich schön voranschreiten kann, von unserer Bäuerin Hannal, die unglaublich froh war, dass unsere Kühe so ruhig waren in diesem Jahr, von den Bauernkindern, die professionell ihre Kühe in Schach gehalten haben, von den Helfern, die ebenso professionell in aller Ruhe die letzten beiden Kühe nach Hause gebracht haben (mit circa einer Stunde Verspätung – wie sich später herausgestellt hat mit gutem Recht, beide haben Zwillinge bekommen!), und von Seppi und Michi, die an verschiedenen Stellen unseres Weges mit ihren Trompeten bayerische Weisen gespielt haben. Als Tobis Mama unten am Weg gewartet hat, wo wir mit den Kühen den 

Berg heruntergekommen sind, als er mit mir, Hand in Hand, die letzten Meter vor den Kühen gelaufen ist. Man kann sich also vorstellen, dass der Almabtrieb feucht-fröhlich war. Nicht nur wegen Tobis rührender Tränen, sondern auch von dem vielen Schnaps, den uns liebe Nachbarn auf dem Weg zum Bauernhof angeboten haben und den man natürlich nicht ablehnen darf.


Ich habe mich natürlich genauso über die lieben Freunde gefreut, die tatsächlich beim Almabtrieb am Weg standen und uns gewunken haben! Über den geschafften Sommer, die gesunden Kühe, die feinen Käselaibe und meine neue Alltagszufriedenheit. Wann ich geweint habe? Zwei Wochen vor dem Almabtrieb, als ich gerade den Hang hinaufgeschnauft war zu unseren kleinen Kälbchen Oimarausch, Lerchei, Zeder und Tapfer. Die mich zur Begrüßung abgeschlabbert haben und dann von sich aus die Almwiese hinuntergehüpft sind zum Stall, so dass ich gar nicht mehr hinterhergekommen bin. Ich habe ihnen zugesehen und in dem Moment flog ein Flugzeug über meinen Kopf. Da musste ich weinen, überwältigt von der Freude über unsere kleinen Tiere, denen wir beigebracht hatten, so wie hinlaufen müssen, die sich gefreut haben, wenn sie uns sehen und gleichzeitig von dem Sprung, dass wir in wenigen Wochen in einem solchen Flugzeug sitzen würden zu fernen Ufern und die Halsalm, die jetzt unser ganzes Universum war, auf einmal ein winziger Punkt auf dem Globus sein würde. Das hat mich etwas umgeworfen.


Tatsächlich traurig, so dass mich Tobi schluchzend auf der Weide festgehalten hat, war ich aber nur in einem Moment. Als ich mich von Buddal, meiner Lieblingskuh, verabschiedet habe, die ich täglich gestreichelt habe, die mich begonnen hat abzuschlecken als Teil ihrer Herde, die geduldig morgens und abends vorm Stall gewartet hat, bis alle anderen Kühe eingestallt waren und die neben mir den ganzen Almabtrieb vorneweg Richtung Hof gelaufen ist. Eine Wegbegleiterin, von der ich mich nun endgültig verabschieden musste. Im Gegensatz zu den lieben Menschen, denen wir auf Wiedersehen gesagt haben, konnte sie mir das jedoch nicht sagen. Ich glaube nicht, dass sie in dem Moment verstanden hat, dass wir uns länger nicht sehen und dass unsere gemeinsame tägliche Zeit nun vorbei ist. Für mich ist das das Essentielle einer Tier-Mensch-Beziehung geworden. Man kann sie nur im Augenblick leben, man nimmt sie nicht mit, man telefoniert nicht, man schreibt keine Emails, man kann sich nicht mal sagen: bis bald, ich hab dich gern, es war schön mit dir. Es gibt keine Zukunft in dieser Beziehung, nur die pure Zeit, die man direkt miteinander verbringt. Das ist wunderschön und man spürt das Leben in diesen Moment in einer großen Glücklichkeit. Die Tiere sind einfach da – mit ihrer körperlichen Präsenz, mit ihrer Neugier, mit ihrer Zutraulichkeit, wenn man sich lange Zeit gut um sie gekümmert hat, mit ihrem Geruch und ihrer Wärme, ihrem Fell, ihren flauschigen Ohren, ihren dreckigen Schwänzen, ihren hochinteressanten Eutern, ihren langen Wimpern, den harten Hörnern, und den rauen Zungen. Doch wenn man Abschied nehmen muss, dann tut es weh; denn es gibt keinen Trost, wie wir Menschen ihn uns geben, indem wir uns versichern, dass wir uns bald wiedersehen und dass wir gemeinsam an die verbrachte Zeit denken. Mir ist das schlagartig bewusst geworden, als ich dort in der Ramsau auf der Weide stand, zwischen all den Kühen und mich verabschiedet habe. Es war ein einseitiger Abschied – die Kühe waren wie immer. Buddal hat mich einfach mit ihrer rauen Zunge abgeschleckt, ihren warmen, weichen Kopf an meine Beine gelegt und sich wohlig kraulen lassen. Zumindest ich werde das nie vergessen. Vielleicht 

bleibt auch den Kühen der Eindruck von zwei Sennern, die sie sehr gemocht haben.





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von Hanni 29. März 2026
Seit einer Woche bin ich alleine unterwegs - es fühlt sich gar nicht so lange an, weil ich so viel erlebt habe und so viele neue Eindrücke auf mich eingestürmt sind. Ich versuche das hier mal zu sortieren ;-) Anreise von München nach Vancouver Ganz früh in der Früh hat Tobi mich am letzten Montag zum Flughafen gefahren - was lange Zeit etwas unklar war, weil Tobi sich ja leider die Woche davor das Knie ordentlich verdreht, angerissen, gestaucht hat und wir die letzte Woche damit verbracht haben zu Orthopäden, MRTs und Sanitätshäusern zu fahren. Ich gebezu, dass ich mir manchmal gewünscht habe, schon im Flieger zu sitzen. Nicht, weil ich nicht gerne mit Tobi in Niederbayern bin, sondern weil wir doch mit manchen Lebensbereichen in den letzten Monaten viel Pech hatten und ich mir gewünscht habe, freier von Schwierigkeiten zu sein. Ein mehr als kaputtes Auto inklusive ständigem Pannenservice, Streitereien mit der Versicherung, eine Wohnungssuche, ein kaputtes Knie, viel Nebel, die Suche nach einem neuen Auto und diversen anderen lebensbeschwerenden Umständen habe ich mich danach gesehnt, für möglichst wenig verantwortlich zu sein. Tobi weiß das, wir würden diesen Lebensabschnitt nicht so gestalten, wenn wir uns nicht einig wären, dass es uns beiden hoffetnlich gut tun wird. Nur zur Versicherung, dass wir nach wie vor das Knuddel-Dreamteam-Wir-sind-am-liebsten-immer-zusammen-Pärchen sind. Jeder von uns erhält nur eine Auszeit von dem bisherigen Alltag. Ich in Kanada und Tobi in Niederbayern. Dennoch hat es sich seltsam angefühlt, alleine hinter der Sicherheitssperre am Flughafen zum Gate zu laufen. Ich bin einmal vorher alleine für die Arbeit geflogen, daher war es nicht ganz so komisch, aber doch sehr gewöhnungsbedürftig, wenn man nicht zusammen wartet, Toiletten sucht (jetzt muss man immer sein Zeug mit auf die möglichst größte Toilette, die man findet, nehmen), ich selbst mein Gepäck in die Abteile über den Sitzen hieven muss und es so still im persönlichen Plauderradius wird. Tatsächlich glaube ich, dass ich, wenn ich mit Tobi reise, mit mehr Menschen Kontakt aufnehme. Ich dachte immer, ich hätte total authentisch immer dieselbe Persönlichkeit - wenn ich alleine unterwegs bin, genauso wie wenn wir zu zweit reisen -, aber scheinbar bin ich deutlich schüchterner und zurückhaltender alleine. Ich suche gar nicht unbedingt die Gesellschaft anderer oder erst nach einer gewissen Zeit. Vielleicht zeichnet sich eine Partnerschaft dadurch aus, dass es diesen einen Menschen gibt, dessen N ähe selbstverständlich ist, den man immer um sich herum haben will oder haben kann, bei dem man sich keine Mühe machen muss für ein schweigendes oder ein kommunikatives Miteinander. Früher habe ich immer Menschen um mich herum gesucht, jetzt merke ich, dass ich gerne Zeit und Ruhe für mich habe. Erstaunlich. Der Flug von München nach Paris war ziemlich ereignislos, in Paris musste ich mein Gepäck abholen und hatte meinen ersten hochinteressanten Kulturschock. Die Rollbänder der Gepäckabholung waren umrandet von arabisch gekleideten Menschen, sehr viele Kopftüchern, Kaftanen, riesigen Koffern und arabisch beschrifteten Paketen, die alle sehr ähnlich aussahen. Ich habe das durch die Bilderkennung gejagt, weil ich neugierig war. Es hat sich herausgestellt, dass viele dieser Menschen frisch aus Mekka kamen und heiliges Wasser in Kartons importiert haben. Ein französisches Ehepaar, das zwei Monate in Asien war, war völlig überfordert von all den Menschen - ich befürchte, sie haben keine besonders netten Kommentare gemacht über "Fremde" in Frankreich. Ich habe versucht, ihnen zu sagen, dass ich verstehe, dass alles "Fremde" einem erstmal Angst macht (so sind wir Menschen eben), aber das es eigentlich sehr schön ist, welche kulturelle Vielfalt am Pariser Flughafen ist. Ich fand es jedenfalls deutlich spannender und interessanter als die Business-Anzugträger am schicken Münchner Flughafen. Außerdem haben mich diese Pakete schwer an das Weihwasser aus Lourdes erinnert, das Tobi und ich mitgenommen hatten. Die Menschheit mag auf den ersten Blick total unterschiedlich sein, auf den zweiten Blick haben wir aber sehr ähnliche Bräuche, die absolut selben Hoffnungen für ein gutes Leben und im besten Fall kommen wir alle gut miteinander aus. In Paris hatte ich eine lange Umstiegszeit, die ich auch noch außerhalb der Sicherheitssperre verbringen musste. Für den teuersten Kaffee meines Lebens habe ich mir einen Platz in einem Flughafen-Café gesichert und erstmal einige Telefonate geführt, die ich schon lange auf der Agenda hatte. Von München ging es mit einem Neun-Stunden-Flug nach Calgary und ich hatte mich noch so gefreut, dass ich mega schlau nach dem Sitz am Notfallausgang ergattert habe. Nie wieder, sage ich euch, erstens steht da immer die Schlange vorm Klo, die Leute machen Dehnübungen und dann hat sich auch noch eine osteuropäische Reisegruppe lauthalts festgequatscht, als ich grad schlafen wollte. Beinfreiheit hin oder her, das nächste Mal nehme ich lieber meine Ruhe! In Calgary hieß es dann, dass ich noch hier an diesem Flughafen meine Einreisepapiere und meine Arbeitserlaubnis checken lassen muss, so dass ich schon dezent Panik entwickelt habe, dass ich meinen Flug nach Vancouver verpasse. Vor allem, als der Immigration Officer gefragt hat, ob ich denn nicht meinen medizinischen Check gemacht habe für das Arbeitsvisum. Eine sehr fiese lange Minute hat er dann seine eigene Webseite gecheckt und Entwarnung gegeben, dass ich das (so wie ich das auch gecheckt hatte vor einem Jahr, aber mich nicht mehr so gut erinnern konnte) nicht brauche. Puh!!! In Calgary am Flughafen war es dann so schön, dass jemand in der Ankunftshalle Indie-Country-Musik gespielt hat, das hat eine so schöne Atmosphäre gemacht und ich habe mich sehr fröhlich willkommen geheißen gefühlt. Jetzt der Schnelldurchlauf für Vancouver ;-). Ich hatte ein nettes Air Bnb, wo ich gleich in der Früh beim Frühstück eine nette Kanadier-Chinesin getroffen habe und wir so ein nettes internationales Gespräch geführt haben. In Richmond, der Stadt direkt unterhalt von Vancouver, wo meine Unterkunft war, sind ungefähr neunzig Prozent der Bevölkerung asiatisch oder asiatischer Abstammung. Egal, ob auf der Behörde, wo ich meine Sozialversicherungsnummer in weniger als einer halben Stunde erhalten habe, oder bei der Bankfiliale, wo ich ein Konto aufgemacht habe - ebenfalls super schnell und super freundlich - oder in allen Restaurants, wo dann tatsächlich auch Chinesisch gesprochen wird (mit allen außer mir und noch zwei westlich aussehenden Personen ;-). Mit dem Skytrain, einer Art S-Bahn, die entweder auf einer Trasse über den Straßen oder unterirdisch fährt, bin ich dann ins Zentrum von Vancouver. Es wird oft von Vancouver geschwärmt, wie schön die Stadt liegt, am Meer, umrahmt von Bergen, mit einer Art "Altstadt" - mir hat das irgendwie nicht so eingeleuchet. Cool sind die Wasserflugzeuge, die man starten sieht, aber Wolkenkratzern und ein paar wenigen kleineren Häusern und Pubs in einer Straße kann ich einfach nicht so viel abgewinnen. Historische Altstädte mit Häusern aus verschiedensten Baustilen, mit Kirchen, Palästen, Gärten oder kulturellen Gebäuden liegen vielleicht eher in meiner DNA bei der Bewertung von schönen Städten. Interessant war übrigens auch die Erfahrung, alleine in Cafés oder im Restaurant zu sitzen, zumal ich meistens mein Handy den Kellner*innen zum Aufladen in die Hand gedrückt habe. Dann saß ich auf einmal alleine, ohne Handy da. Das war sowas von ungewohnt, weil ich gar nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte. Ich bin dazu übergegangen, meine Umgebung viel mehr wahrzunehmen; wer neben mir sitzt, wer vorbeiläuft, wie die Häuser gebaut sind, wie schön warm die Sonne durchs Fenster scheint und nebenbei meinem Gedanken nachzuhängen. Es war irgendwie sehr entschleunigend und beruhigend. Die Beruhigung hatte ich nötig, dann am nächsten Tag sollte es dann mit einem winzigen Flugzeug in den Norden, nach Anahim Lake gehen...inklusive angekündigtem Schneesturm und lediglich einem Namen von der Familie von der Ranch, wo ich hinwollte. Keine Adresse, Minus 15 Grad in der Früh angekündigt und eine ORtschaft mit 82 Einwohner*innen. Aber davon beim nächsten Mal mehr ;-)
von Johanna Baer 12. Januar 2026
Am zweiten Januarwochenende hat mir Tobi auf einer sehr lustigen Familienfeier jemanden mit den Worten vorgestellt: da ist jemand ein Fan von uns 😊. Und mir ist das Herz aufgegangen. Uns hatten auf dieser großen Feier von Tobis großem Bruder schon einige Menschen gesagt, wir toll sie unsere Erlebnisse und Unternehmungen finden. Mit am nettesten war die Begrüßung: „Oh Tobi, der Kleine! Du bist genau wie früher und bringst allen Schnaps“, denn Tobi war damals in der Musikkapelle immer einer der Jüngsten gewesen. Dass er nun fast alle überragt, hat niemanden davon abgehalten, in den Kleinen zu nennen und völlig überrascht zu sein, dass er schon seit über sechs Jahren verheiratet ist… Aber zurück zu unserem Fan 😊. Es hat sich herausgestellt, dass die liebe Bekannte immer so gerne unsere Berichte und kleinen Posts liest und sich richtig darüber freut, wenn wir etwas schreiben. Das war so schön zu hören, denn oft sitze ich vor meinem PC und frage mich, wer das liest und ob das überhaupt Sinn macht, zu schreiben. Es ist zwar in jedem Fall auch wie ein bisschen ein Tagebuch für uns, aber als Buch wollte es bisher auch keiner herausbringen. Also wird es wohl einfach weiter ein Blog sein, aber einer, den ich auch wieder mehr wertschätze, weil ich weiß, dass es doch einige liebe Menschen gibt, die ihn gerne lesen! Das Jahr 2025 haben wir kaum etwas geschrieben, also werde ich jetzt einen kurzen Jahresdurchgang machen. Vom Obstbäumeschneiden in Niederbayern über wunderschöne arbeitsreiche Monate auf einer Schweizer Alp und einer kleinen Tour de France, die schließlich in eine echte Auszeit in der Bretagne gemündet ist. Winter und Frühling Vielleicht passt Winter und Frühling ganz gut zu den beiden Orten, an denen wir in den ersten Monaten des Jahres 2025 gearbeitet haben. Einerseits war Tobi in einem Seminarhaus an unserem damaligen Wohnort tätig, andererseits haben wir beide beim Streuobstbetrieb Stöckl in Niederbayern gearbeitet. Es fällt mir schwer über die frostige, winterliche Zeit am ersten Ort zu schreiben, denn es hat sich herausgestellt, dass dort nicht der richtige Ort für uns war. Auch wenn wir dort viele sehr nette Menschen kennengelernt haben und im Jahr zuvor einen ganzen kleinen Gemüsebetrieb aufgebaut haben (mit Gewächshaus und Businessplan etc.), haben manche Begegnungen dazu geführt, dass wir sehr traurig und psychisch heftig angegriffen nach einem anderen Wohn-, Arbeits- und Lebensort gesucht haben. So viel zu diesem Winter-Teil, wer mehr wissen möchte, darf sich gerne direkt an uns wenden! Der parallel verbrachte Frühling bei Familie Stöckl in Niederbayern, so nennen ich es jetzt mal, auch wenn es manchmal fünf Grad und Nieselregen waren, haben uns oft über die schwierigen Zeiten weitergeholfen. Gemeinsam bei Sonne, Regen, Wind und Wetter die Obstbäume in Zentralbayern so zu schneiden, dass sie optimal wachsen und qualitativ hochwertige Früchte tragen, hat im gemeinsamen Team immer Freude gemacht. Selbst wenn man mit der Mistgabel dem Anhänger hinterherläuft, um den Mist auf der 2 Hektar großen Wiese unter den Bäumen mit Schwung zu verteilen, ist die Arbeit immer wohltuend, nie stressig, aber durchaus herausfordernd und vor allem sehr zufriedenstellend gewesen. Auch die Tage, die ich im Büro verbracht habe, habe ich in guter Erinnerung. Nicht nur, weil immer ein Kaffee und ein Schwätzchen in der Küche mit jemandem aus der Familie möglich ist, sondern auch, weil es ich zwar nach wie vor eine sitzende Tätigkeit vor einem Bildschirm nicht mag, aaaaaaber die Verwaltung eines Betriebs nun einmal sein muss und ich dabei einen Beitrag leisten kann. So nutzt das Computer- und Verwaltungswissen einem guten Zweck und Selbstwirksamkeit hat ja noch keinem geschadet! Der wirtschaftliche Streuobstanbau ist für mich ein Betriebszweig, der wirklich Sinn macht – dort werden Umweltschutz und regionale Lebensmittelversorgung, lokal verfügbare Arbeitsplätze mit hohem Weiterbildungs- und Verwirklichungspotential und der Schutz der Biodiversität zukunftsfähig zusammengedacht. Außerdem haben wir die lustigste Fortbildung unseres Lebens gemacht und sind jetzt Staatliche geprüfte Obstbaumpfleger. Nach vier Ausbildungswochenenden in Passau, so viel Lachen, wie man sich niemals vorstellen kann, ein paar geschnittenen Bäumen, einer saftigen Prüfung haben wir Freunde fürs Leben gefunden und dürfen jetzt ganz offiziell Förderungen aus dem Streuobstpakt beantragen…(oder so ähnlich). Wir haben lange überlegt, ob wir nicht gleich nach Niederbayern ziehen und zu echten Streuobst-Mit-Bauern werden, aber der Drang, nochmal etwas Neues kennenzulernen, war dann doch größer und wir haben uns ziemlich spontan eine Schweizer Alp gesucht. Denn auf die Frage, was wir am liebsten arbeiten, lautet die Antwort scheinbar alle paar Jahre wieder: „Zwischen Kühen sitzen!“ Deshalb haben wir Anfang Mai unser Hab und Gut in einen Container geräumt (Spoiler-Alarm, dort ist es noch immer!) und den Rest in unser Auto gepackt. Auf dem Weg in die Schweiz, wo wir bereits erwartet wurden, denn die Kühe waren dank des milden Frühlings schon ohne uns auf der Alp, ist uns unser Auto mitten auf der Bundesstraße ausgegangen. Wir dachten beide, wir spinnen. Nach super stressigen Umzugs-/Putz-/Erledigungstagen hatten wir alles in das Auto gequetscht und dann geht es einfach aus. Und es war leider keine einfache Panne, sondern der Motor war kaputt. Ja, richtig gehört, Zahnriemen gerissen, kurz nach der Gewährleistungsfrist und keine Werkstatt, die das so einfach richten kann. Kostenaussicht 5.-10.000€. Wir waren mental so fertig, dass wir eigentlich gar nicht mehr wussten, ob wir lachen oder weinen sollen. Gottseidank neigen wir beide in solchen Situationen nicht zum Verzweifeln, sondern zum sofortigen Handeln und so waren wir ein paar Stunden nach der Panne, in einem zu kleinen Mietwagen mit nur der Hälfte von unserem Zeug, auf der Autobahn Richtung Schweiz. Völlig ungeplant haben wir dann die Nacht mal wieder bei unseren lieben Freunden auf einem Schafshof bei Mindelheim verbracht, zum Weiterfahren war es einfach zu spät. Und am nächsten Tag waren wir in der Schweiz – auf der Alp – und sind dort eingezogen. Das Drama, wie unser Auto schließlich doch noch repariert worden ist, wie der Mietwagen NICHT zurück an den richtigen Abgabeort gekommen ist und wie sehr wir uns mit der Autovermietung gestritten haben, lasse ich an dieser Stelle aus. Sonst rege ich mich zu sehr auf und ich glaube, das habe ich damals schon genug getan. Seltsamerweise wird alles irgendwann gut – auch wenn es uns zwei Monatsgehälter gekostet hat. Das ist wohl der Preis für das Alles-Gut-Werden, aber im Grunde genommen – und das habe ich von Tobi gelernt – ist es „nur Geld“. Nicht unsere Gesundheit, nicht ein schlimmer Unfall und nicht unser Lebensglück. Zum Thema Geld, ich glaube, das ist ein wichtiges Thema, gerade bei „Weltreisenden“ oder wie sie gesehen werden 😊. Es mag sie geben, die Menschen, die mit null Euro Startguthaben oder auch nur mit 2000 Euro auf dem Bankkonto um die Welt ziehen. Wir waren das nie und werden das auch nicht sein; denn finanzielle Sicherheit ist mir unglaublich wichtig. Die Frage, woher wir das Geld haben, so viel zu reisen oder nicht jahrelang demselben akademischen Job nachzugehen, hat viele Facetten. Die erste und wichtigste ist, dass wir beide unglaublich großzügige Eltern und Verwandte haben. Wir haben beide ein Studium finanziert bekommen, dazu teilweise auch noch die Mieten als Studenten und wirklich großzügige Geschenke zu Weihnachten, Geburtstagen oder auch einfach sonst einmal. Dafür sind wir unendlich dankbar, denn das Glück, in Familien aufzuwachsen, die uns finanziell und emotional mehr als nur eine stabile Basis gegeben haben, ist weltweit sehr selten. Auch aus diesem Grund schreiben wir über unsere Erlebnisse – damit alle, die es gerne möchten, aber aus verschiedenen Gründen nicht können oder wollen, diese ein bisschen miterleben. Wenn wir das alles erleben dürfen und können, dann möchten wir es so vielen Menschen wie möglich auch zur Verfügung stellen. Dieser familiäre Grundstock hat es uns dann ermöglicht, zu sparen und wir sind während unserer Studien beide auch Studentenjobs nachgegangen. Und schließlich haben wir beide gut bezahlte Jobs (für den sozialen Bereich 😉) gehabt, in denen wir einige Jahre lang gearbeitet haben. Auch wenn wir natürlich viel Geld für die Miete in München und Umgebung ausgegeben haben, pflegen wir außer unseren Reisen und gutem, ökologischem Essen keine kostspieligen Hobbies (okay, das mit dem Tauchen hätten wir nicht anfangen sollen, wenn es danach geht). Sagen wir mal, wie haben keinen kostspieligen alltäglichen Lebensstil – keine unnötigen Amazonbestellungen, kein Schmuck, keine schicken Autos, keine technischen Gadgets, wenig Klamotten und Schuhe, kaum Deko – wobei ich finde, wir haben eh unendlich Kram! – und vermutlich vergesse ich all die Dinge, an die wir einfach nie denken würden, sie zu kaufen. Also zum Beispiel auch kein Haus, kein Grundstück, kein Darlehen dafür und keine finanziellen familiären Verpflichtungen. Das Allerwichtigste finde ich, dass jeder das für sich macht/kauft/tut, was zu ihm passt. Bei uns sind es eben die Reisen, dafür aber viele andere Sachen nicht, die für andere Menschen wichtig sind. Bei all unseren Jobs achten wir darauf, dass wir genug verdienen, um unseren Alltag und die Zeiten der Reisen finanzieren können und nebenher noch etwas für die Rente zur Seite zu legen. Also nein, wir sind nicht die Mit-Null-Euro-Um-Die-Welt-Backpacker. So mutig (?) wären wir nie und wollen es auch nicht sein. Vielleicht ist damit das Geheimnis um unsere Weltreise-Geldbeutel gelüftet 😊. Da ich völlig vom Thema abgekommen bin, werde ich über die 22 gemütlichen Schweizer Milchkühe, das kleine Kälbchen und die Tonnen an Käse aus Miraculix Kupferkessel das nächste Mal schreiben! Ich freue mich, wenn ihr dabei seid!
von Hanni 21. September 2025
Kurz vor der Alp-Abfahrt
von Hanni 7. Januar 2024
Ein Update
von Glücksbärchis 29. Juli 2023
Wenn ein Paradies die Erwartungen übertrifft
von Hanni 19. Juli 2023
Zwillinge, Dusty und Biertasting
von Eddy 17. Juli 2023
aus Sicht von Eddy
von Hanni 16. Juli 2023
Hawke's Bay, Rotorua, Bay of Plenty
von Hanni 5. Juni 2023
Wwoofen auf zwei Inseln
von Hanni 28. Mai 2023
wenn man sich am anderen Ende der Welt trifft
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