Die Straße in die Wildnis
"Die Möglichkeit, dass ein Traum in Erfüllung geht, ist, was das Leben interessant macht." (Paulo Coelho)

Zweiter Tag auf der Rex Peak Ranch
Es ist ein Mittwochabend - ich bade in dem schönsten See Kanadas, Carol Lake, fünfundvierzig Kilometer entfernt von jeglichem Ort, im Vordergrund eine Bank und der grün-türkise See mit einem kleinen Steg, dahinter Bäume soweit das Auge blickt und schneebeckte Bergspitzen. Man hört Wildgänse schnattern und ein paar Vögel singen, Libellen tanzen über den See, Wildrosen blühen am Ufer neben dem Schilf, die Sonne scheint warm auf meine Haut, sie taucht den See in glänzende kleine Wellen, es riecht nach Wald. Und ich denke: "Ich will nach Hause".
Ich will nicht in einem See baden und mich dort mit ökologischem Shampoo waschen, weil die Farm, wo ich gerade bin, keine Dusche hat und ich mich bisher nicht traue ein sogenanntes Eimer-Bad auszuprobieren, ich will nicht mit den Füßen im morastigen Seegrund verschwinden und mich zusammenreißen, dass ich nicht in Panik verfalle, weil ich so weit eingesunken bin, ich will nicht dauernd Angst haben, dass ein Bär oder ein Puma mich am Ufer frisst, ich will nicht alleine sein und vor allem will ich wissen, dass hinter der Bergkette einige Menschen wohnen. Und ich will einen Teller Spaghetti mit Tomatensauce und Parmesan und dazu einen Fenchel-Orangen-Salat mit weißem Balsamicodressing - und nicht in einem fremden Haushalt in einem Kühlschrank nach Essen suchen, nicht wissen, was ich morgen tun werde, ich will kein Auto mehr in Kanada haben, weil es mich nur davon abhält, jederzeit nach Hause zu fahren.
Die Straße zu dieser Ranch hier hat mir alles abverlangt, was ich an Mut, Kraft, Geduld und Verstand aufbringen konnte. Ich wusste, dass die Farm abgelegen liegt. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich über siebzig Kilometer an steinigen Abhängen mit unzähligen Felsstürzen entlang oft über eine Schotterstraße (und manchmal geteert, man versteht die Welt einfach nicht), an unglaublichen Bergflanken und an einem riesigen Stausee entlang, immer wieder dicken Felsbrocken ausweichend, bis zu einer steilen Berg-Schotterstraße fahren würde, die ich dann bergauf irgendwie hochgekommen bin und schließlich ein Schild passiere, auf dem steht: Zähle nicht auf einen Warnschuss, die Munition ist so teuer geworden.
Die Menschen hier sind sehr nett, es fällt mir nur nach zwei Monaten reisen und zwei verschiedenen Stationen schwer, mich auf einen Ort einzulassen. Langsam frage ich mich auch, ob ich wirklich so viel meinem Ziel unterordnen möchte, reiten zu lernen.
Es scheint nicht zu meiner Welt zu passen. Nur Menschen, die so weit in der Wildnis leben, dass sie Pferde nutzen müssen, um ihre Kühe auf die richtigen Weiden zu bringen, scheinen überhaupt noch mit Pferden zu arbeiten. Aber dieses Leben in der Wildnis ist wohl nicht meines. Ich liebe Camping-Urlaube, ich liebe Lagerfeuer, schöne Wanderungen und die Natur. Aber ich liebe auch ein Leben, in dem es eine Zentralheizung gibt, eine warme Dusche, wann immer ich möchte, Filmabende, ein sauberes und kuscheliges Zuhause, eine aufgeräumte Vorratskammer, mein Lieblingsessen, eine Waschmaschine, die man ohne Generator betreiben kann, einen Geschirrspüler und einen Elektroherd.
Vier Tage später
Ich sitze auf einem schönen Steg, der im Gegensatz zum ersten nicht einsturzgefährdet aussieht, am selben See. Ich habe im diesmal ziemlich kalten Wasser eine See-Dusche ohne Bärenbesuch und Angst genommen, sitze jetzt in der Sonne und schaue über die Berge und mein staubbedecktes Auto. Und es geht mir gut.
In den letzten Tagen war ich stundenlang reiten, bin zum ersten Mal im Leben galoppiert (wie krass!!!), habe geholfen einen Schafsbock zu scheren, habe deutsche Pfannkuchen gemacht, darüber diskutiert, ob Sonnencreme giftig ist (stimmt sogar teilweise), bin einen unglaublich steilen Abhang hinuntergeschlittert, mein Pferd hinter mir herziehend, habe Lasso werfen geübt, viel Geschirr abgespült, habe unendlich Gras und Löwenzahn aus dem Gemüsebeet gerissen, war bei einem klitzekleinen Kinder-Pferde-Wettbewerb mit der kanadischen Großfamilie, habe einen Teil meiner Steuer erledigt, mich im See gewaschen, Stacheldrahtzaun repariert, in meinem Auto geschlafen, wurde jeden Morgen mit frischem Kaffee begrüßt und habe unzählige britisch-kanadisch-deutsche Witze gerissen mit meiner Gastfamilie. Dabei habe ich immer die unglaubliche Landschaft bewundert, von der ich weiß, dass im nächsten Umkreis keinerlei andere Menschen leben.
Scheinbar muss man deutlich über seine Grenzen gehen, wenn man Träume nicht nur Träume sein lassen will, sondern sie mit voller Hartnäckigkeit verfolgt. Ob das gut ist, weiß ich gar nicht so genau, ich denke, das wird sich herausstellen, wenn ich etwas Zeit hatte, die Erfahrungen zu verarbeiten. Auf jeden Fall wird man belohnt mit neuen Eindrücken und Bekanntschaften, von denen der überwiegende Teil sehr positiv ist. Wenn das nicht so wäre, wäre ich schon lange woanders. Warum mich alles Neue so anzieht, weiß ich nicht, ich war schon immer neugierig und wollte möglichst viel wissen und erfahren. Und ich wollte immer mehr können - wenn ich gesehen habe, wie jemand etwas macht, wollte ich das unbedingt auch können. Ich scheine einen unstillbaren Hunger nach Neuem und Erlernbarem zu haben. Alle Fremden und alles Fremde zu Vertrautem und Liebgewonnenem zu wandeln.
Eine Woche später
Gestern habe ich meine Gastgeber gefragt, ob ich die nächsten drei Wochen bei ihnen bleiben kann. Ich hab gesagt, sie können sich das ja überlegen und diskutieren und mir dann Bescheid geben. Er wollte nur die Daten wissen und sagte, passt und sie war sowieso einverstanden :-).
Gerade habe ich ein Bucket-Bath genommen - das ist so interessant, wie es sich anhört. Hier gibt es ja keine Dusche und im Sommer auch kein warmes Wasser (im Winter heizt der Holzofen den Boiler), deshalb macht man zwei große Eimer (Bucket) auf dem Gasherd warm, kippt einen in die Badewanne, mischt das Ganze mit kaltem Wasser, setzt sich rein und versucht irgendwie sich mit dem bisschen Wasser nass zu machen, mit Hilfe einer kleinen Salatschüssel! Funktioniert ganz gut. Dann Shampoo drauf, das ganze mittels Schöpfen wieder abwaschen, dann dreckiges Wasser ablassen und den zweiten Eimer mit kaltem Wasser mischen für das beste Wasch-Ergebnis. Warum ich das mache? Nach einer guten Woche möchte ich nicht bei gefühlten 15 Grad draußen in gefühlte 15 Grad Seewasser springen und mich auf einem Steg einshamponieren immer mit Blick auf den idyllischen abgelegenen Campingplatz, der selten, aber doch hin und wieder benutzt wird. Neulich habe ich erst nach dem Umziehen entdeckt, dass da jemand saß ;-).
Was ich heute noch gemacht habe und warum ich nach meinem Gefühlschaos am zweiten Tag hier geblieben bin? Ehrlich gesagt, habe ich tatsächlich den Ort gefunden, den ich immer gesucht habe. Auf völlig andere Weise als ich es mir vorgestellt habe, aber alles, was ich wollte, als ich nach Kanada gekommen bin, gibt es hier.
Sehr nette Menschen, mit denen ich mich gerne kabble (mit Phil, meinem Gastgeber, sprüht es förmlich vor gegenseitigem Veräppeln; mit Mandi führe ich stundenlange Diskussionen, in der wir grundsätzlich nicht so ganz einer Meinung sind, aber ich viel über die Traditionen, die Denkweise hier und auch die Ökologie lerne. Sie bringt mir auch das Reiten bei, bzw. sie hat mir das gutmütigste Pferd rausgesucht, mir beim Satteln geholfen, mir gesagt, was ich tun muss für vorwärts, links und rechts und dann nach einer Stunde Ausritt gefragt, wie es war. Heute hat sie zu mir gesagt, als ich gefragt habe, ob ich noch etwas weiter reiten kann nach unserem heute sehr kurzen Kühe-Treiben, dass ich jederzeit mein Pferd satteln darf und ausreiten kann - alleine!!! Mir sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen und ich war so glücklich. Mandi traut mir vieles zu, sie ist nicht über-fürsorglich, ich kann einfach Dinge ausprobieren und lerne genau so, wie es mir guttut. In Ruhe Situationen analysieren und dann versuchen klarzukommen. Und wenn ich Hilfe brauche, kann ich immer fragen und bekomme Unterstützung.
Außerdem habe ich heute einen Kirschbaum mit völlig unzulänglichem Werkzeug geschnitten, bin dafür zweimal mit Hilfe einer Leiter über einen Stacheldrahtzaun gesprungen und habe Ewigkeiten gebraucht mit einer furchtbaren Säge. Aber ich war ganz stolz am Ende! Dann habe ich noch frisch geschorene Wolle im Gemüsegarten verteilt, Salatsamen gepflanzt, einen kleinen Bereich mit Blumensamen vorm Haus angelegt und alles gewässert.
Nach einigen vielen Tagen
später
Heute habe ich eine Anti-Rost-Farbe/Beschichtung auf das Gestell eines riesigen Anhängers gepinselt. Phil hat mir seinen Arbeitsoverall geliehen, den ich nach einigen stümperhaften Malversuchen doch angezogen habe (die Farbe geht aus nichts mehr raus). Ich saß auf dem Gestell, ich bin kopfüber drin gehangen und am Nachmittag hab ich mich unter den Trailer gelegt. Für die neue Inspektion musste Phil einiges neu zusammenschweißen, reparieren und jetzt benötigt das Gestell eine neue Anti-Rostfarbe. Nach mehreren Tagen habe ich grau-schwarze Hände, hatte Farbe in meinen Haaren und war sehr zufrieden, weil ich, glaube ich, wirklich helfen konnte, dass eine wichtige Aufgabe auf der Ranch erledigt wurde.
Was ich hier noch so mache? Stöcke aufsammeln auf der Schafsweide, den Hühnern und Pferden neues Wasser geben, Jäten und Kartoffeln anhäufeln, den Garten wässern, Gras zusammenrechen vorm Haus und zu den Schweinen bringen, deutsches Bier trinken, selbstgemachten Käse essen, niedliche Hunde streicheln, die immer mehr Streicheleinheiten wollen und einen manchmal versuchen, zu umarmen.
Zwischendurch habe ich noch einen Ausflug gemacht mit Mandi, um ihre eine Tochter in der kleinen Stadt Goldbridge im einzigen Laden weit und breit zu besuchen, die andere Tochter mit ihrer Familie in derselben kleinen Stadt (ungefähr 100 Einwohner, höchstens; die Schule hat exakt vier Schulkinder!) besuchen, bei Mandis Ex-Mann vorbeifahren, der Vater der Tochter vorbeifahren, der am Tag vorher auf der Ranch war, um hier einigen Pferden neue Hufeisen anzupassen (ich durfte zusehen und wurde netterweise vor möglichen Schimpfwörtern gewarnt, die mir dann aber nicht verraten wurden) und dann auf einer noch viel krasseren Bergstraße Richtung der Sommer-Range, wo die Kühe den ganzen Sommer verbringen, zurück zur Ranch zu fahren. Damit ich auch mal die Gegend sehe. Ich bin selber noch zu einem kleinen Dorf, einmal über die Bergkette hinterm Staudamm gefahren, zu einem der türkisesten Seen, die ich je gesehen habe. Wobei die Ähnlichkeit zum Königssee schon erstaunlich war. Weil ich dort ausnahmsweise mal mobile Daten hatte, bin ich einfach ein bisschen in meinem Auto gesessen und habe Netflix geschaut :-)...
Einen Bären haben wir neulich auch noch gesehen, gleich in der Nähe von der Ranch, der gemütlich nach Futter gesucht hat!
Der lange Atem hat sich gelohnt, wie schön, dass mein Traum wahr geworden ist. Beste Grüße von meiner Pferde-Kühe-Ranch aus der Wildnis Kanadas.









