Der perfekte Ranch-Tag
Sand in my boots

Manchmal sagt Tobi in einem unserer Telefonate: "Dazu würde ich jetzt gerne einen Blogartikel lesen!" Und weil ich meinen Ehemann sehr liebe und grundsätzlich eine sehr folgsame Ehefrau bin, kommt hier der nächste Blogartikel.
Der perfekte Ranch-Tag
Um kurz nach sieben klingelt mein Wecker, ich döse noch fünf Minuten, dann lüfte ich meine Schlafbrille und blinzle in den sonnigen Morgen. Ich drehe mich um, ziehe mich zur Hälfte in meinem Auto an, steige vorsichtig in meine FlipFlops, die vor meiner Autotür stehen, werfe weitere Klamotten über mich und gehe ins Ranchhaus. Die Haustüre quietscht unendlich wie jeden Morgen - diesmal ist nur anders, dass ich im Eingangsbereich neben 100 Baumsetzlingen, die neulich jemand vorbeigebracht hat, wunderschöne, niegelnagelneue rote Cowboystiefel sehe und ich lachen muss. Es sind meine, die ich gestern in einem Anfall von Wahnsinn und Liebe auf den ersten Blick in der Stadt Kamloops gekauft habe.
Ich gehe in den Wohnraum/Küche/Büro und ausnahmsweise hat Phil noch nicht Kaffee gekocht und die French Press mit einem Handtuch umwickelt, damit mein Teil des Kaffees nicht kalt wird.
Jeder von der Familie macht sich neben oder nacheinander sein Frühstück - mein Nutellabrot wird grundsätzlich belächelt, was ich mit gemeinen Kommentaren zu Ketchup auf Spiegeleiern gerne zurückgebe und jeder geht seiner Wege. Heute erledigen Mandi und ihre Tochter Jade die täglichen Aufgaben des Melkens, Schweine und Schafe füttern, kranke Pferde versorgen etc. Phil repariert meistens irgendetwas ;-). Ich telefoniere erst mit Tobi für ein tägliches Update und gehe dann in den Gemüsegarten und beginne zwischen den Maispflanzen zu jäten und dazu meine Country-Musik-Playlist zu hören.
An dieser Stelle bitte ich meine Leser*innen sich neben dem Blog-Lesen folgende Lieder anzuhören, damit ihr das richtige Feeling bekommt:
- Mein neuer absoluter Favorit: Sand in my boots von Morgan Wallen
- Save you a seat von Alex Warren
- Friday I'm in love von The Cure
- Must be the Whiskey und Lost Highway von Cody Jinks
- Looking for the Light von Charles Esten
- Messed up as me von Keith Urban
- Looking for a place to shine von Clare Bowen
- Old Phone von Ed Sheeran
- Have a little faith in me in der Version von Nashville Cast mit Will Chase und Maisy
Es wird langsam heiß im Garten, aber ich komme gut voran, bis Mandi mir vom Haus zuruft: "Ich habe die Pferde schon in den Anhänger eingeladen, wir können los." Ich lasse alles stehen und liegen, ziehe meine neue Reit-Jeans und natürlich meine roten Cowboystiefel an und wir fahren verschiedene Schotterstraßen entlang, um nach Kühen und ihren Kälbern Ausschau zu halten. Als wir endlich welche finden, halten wir, laden unsere Pferde aus, wechseln das Anbinde-Halfter mit dem Reit-Halfter, ich setze meinen Reithelm auf (inzwischen habe ich exakt eine erwachsene erfahrene Reiterin getroffen, die auch einen Helm trägt..ich fühle mich nicht mehr total als Tourist und Anfänger) und schwinge mich auf mein unendlich geduldiges weiß geschecktes Pferd namens Blaze. Die nächsten drei Stunden verbringen wir damit, Kühe zu suchen, sie aus dem Wald auf die Straße zu treiben und sie dann Richtung Sommerweide zu bewegen. Ich versuche meistens am Ende der Herde zu reiten, damit keine Kühe wieder umkehren - Mandi hat mich sehr nett gelobt am Ende des Tages, dass ich langsam zum richtigen Cowboy werde...Wenn die Kühe dann das Gatter zur Sommerweise passieren, versucht Mandi die Nummern auf den Ohrmarken aufzuschreiben, um einen Überblick zu bekommen, wie viele noch fehlen und ob zu jedem Kalb die passende Kuh auf die andere Seite getrabt ist. Zwischendurch halte ich ihr Pferd am Zügel und darf dann auch mal zwei Pferde gleichzeitig in eine Richtung bewegen. Wie schön, dass das klappt! Die meiste Zeit sind wir im Schritt unterwegs, wenn es eine längere Strecke traben wir auch mal bzw. ich trabe sehr viel häufiger, weil mein Pferd im Schritt super langsam ist und ich versuche, möglichst auf selber Höhe wie Mandi zu reiten, um im Zweifelsfall schnell reagieren zu können. Langsam habe ich das Gefühl, dass mein Pferd mir etwas mehr zutraut und zuhört und nicht mehr nur blind seinem Vorgänger hinterherläuft. Blaze habe ich definitiv zu verdanken, dass mir das Reiten und Reiten lernen sehr viel Freude macht und dass ich lerne, mich durchzusetzen und mich zugleich total sicher fühle. Für Mandi ist der Job nicht so leicht, dann sie muss diesmal oft durch dichten Wald reiten und störrische Kühe herausbringen, die nicht so direkt ihr und ihren Arbeitshunden gehorchen wollen. Für mich ist das regelmäßige Reiten leider so schön, wie ich es mir immer vorgestellt habe - auch wenn ich krasse blaue Striemen auf meinen Oberschenkeln von Ästen habe und man lange nicht so viel galoppiert, wie einen jeder Westernfilm glauben lässt. Wundersamerweise habe ich keine Pferdehaarallergie mehr/hier/auf diese Pferde, ich reite auf dem schönsten Satteln, den ich je gesehen habe, den die Tochter Jade selbst mit Lederwerkzeug mit Rosen verziert hat, ich reite durch eine Natur, die oft unberührt und wunderschön ist, ich bin immer draußen, helfe bei einer sinnvollen Arbeit und bin in ständigen Kontakt mit einem sehr lieben Lebewesen.
Warum leider? Ich weiß, dass diese Option der Farmarbeit in Deutschland bzw. in Europa nicht besteht - und ich weiß auch, dass ich damit vermutlich nicht mein Geld zum Leben verdienen kann. Aber dazu in einem anderen Blogartikel mehr.
Als wir zurückkommen haben wir ungefähr fünfzig Kühe und fünzig Kälber auf die Sommerweide gebracht und machen eine Mittagspause. Mandi fährt wieder los und bringt Salzsteine auf die Sommerweide. Ich bleibe dann im Haus und kümmere mich um Mandis selbstgebackenes Brot im Ofen. Außerdem schreibe ich zwei Briefe für die Familie, weil ich morgen die Rex Peak Ranch erstmal verlasse.
Während ich schreibe, kommt Phil rein, der in der Hitze mal wieder Reifen wechseln musste und auch eine Mittagspause braucht. Mit Mandi und Phil kann man sowohl in angenehmer Ruhe schweigen, aber man kann sich auch sehr angeregt unterhalten. Vermutlich ist Phils Mittagspause deshalb diesmal länger ausgefallen, weil wir uns lange über unsere verschiedenen Herkünfte ausgetauscht haben und über das Leben, das man dann selbst auswählt...und wir waren uns sehr einig, dass wir beide bei dem Blick aus dem Fenster auf die Weiden, die Berge, die Wälder, die Pferde und die Wildnis pures Glück empfinden.
Nachdem ich mich dann um den Abwasch gekümmert hat und Phil seinen Truck fertig repariert hatte, hat er mich abgeholt, um zum Heustadl zu fahren. Den hatten verschiedene Menschen schon die letzten Tage versucht zu reparieren, da einige der wichtigen Tragsäulen verrutscht waren. Auf jeden Fall hat mich Phil dann den Traktor bedienen lassen, in dessen Schaufel er stehen musste, damit ich ihn mit seinem Werkzeug an den verschiedenen Pfeilern hoch und runtertransportieren konnte. Sagen wir mal, mir hätten ein paar mehr Stunden Übung vorher nicht geschadet, weil der Traktor schon auf die kleinste Bewegung der Kupplung reagiert hat und Phil und ich uns manchmal mit ganz schön zusammengebissenen Zähnen angeschaut haben, wenn der Traktor mal wieder einen zu großen Satz nach vorne gemacht hat und beinahe in der Heustadl-Wand gelandet wäre...naja, ich hab ihn auf jeden Fall nicht in der Schaufel unterm Heustadl-Dach sitzen lassen, auch wenn ich das zwischendurch angedroht hatte und ich war sehr glücklich, als wir tatsächlich die eine Seite des Stadls nach einiger Zeit fertig hatten und ich keine Delle in Traktor, Heustadl oder Phil gefahren hatte!
Und weil der Tag so wunderschön und ziemlich heiß war, bin ich dann noch zu meinem persönlichen Lieblingssee direkt an der Ranch gefahren, um dort bei der untergehenden Sonne schwimmen zu gehen. Um den Tag perfekt zu machen, gab es abends dann auch noch Spaghetti Bolognese und viele von euch wissen, dass mich das sehr glücklich macht :-). Noch glücklicher hat mich gemacht, dass Mandi nicht glauben konnte, dass Phil mir den Traktor anvertraut hat, mit ihm in der Schaufel...sie hat gesagt: er vertraut damit niemanden... Wie schön, wenn man als so vertrauenswürdig eingschätzt wird!
Der einzige Wehmutstropfen an diesem Tag: dass ich am nächsten Tag weiterfahren würde. Spoiler: ich habe geheult wie ein Schlosshund als ich aus dem Tor der Ranch rausgefahren bin...
Aber vielleicht, wahrscheinlich komme ich wieder. Ob in ein paar Wochen oder in ein paar Jahren. Wie das so ist bei mir: wenn ich mein Herz an einen Ort verloren habe, dann komme ich wieder. Sei es die Bretagne, ein Streuobsthof in Niederbayern, eine Schweizer Alp oder eine Blaubeerfarm in Melbourne...die Frage ist nur, wie ich das in meinem Leben alles unterbringen werde. Die Welt ist so schön und viele Menschen, die man trifft, sind solche Schätze, die ich gerne viel öfter sehen würden!









