Mein Manifest

Johanna Baer • 29. Januar 2023

Wo das Glück der Erde liegt


Gerade sitze ich vor einem wunderschönen Garten mit riesigen Lavendel- und Rosmarinbüschen. Im Hintergrund läuft leise klassische Musik, Tobi macht eine Meditationsübung – es ist zufällig genau das Musikstück, das er aus seiner Ausbildung kennt. Wir haben gerade leckere Sandwiches gegessen, in einer Küche zubereitet, die nicht unsere ist – am anderen Ende der Welt. Nehmt euch einfach, was ihr braucht, hat uns das nette Paar gesagt, weil beide mittags unterwegs sind.


Erst schaue ich Tobi zu, dann fällt mein Blick auf meine Beine. Heute habe ich mal eine kurze Hose an – überall sonst war es in Australien zu heiß (Sonnenbrand) oder die Arbeiten in hohem Gras etc. Ich sehe bei meinen Beinen vor allem eines: Dreck auf der Haut. Und ich muss lächeln. Ich fühle mich glücklich und ausgeglichen. Atmosphärisch mag das auch an der ruhigen, melodischen Streichermusik liegen. Aber vor allem bin ich innerlich tief zufrieden, weil ich mir die Hände und die Beine schmutzig gemacht habe. An meinem rechten Arm sehe ich ein paar Pusteln – Tomatenpflanzen sind nicht so gut für die Haut, dazu eine kleine Wunde, die von den Blaubeerbüschen letzte Woche kommt. Meine Fingernägel sind schwarz, meine Finger blau (Brombeeren) und erdig. Trotz "Vor dem Essen Hände waschen" – das früher nie so richtig Sinn gemacht hat. Meine Computertastatur war sehr sauber und oft desinfiziert.


Eine liebe ehemalige Kollegin und Freundin hat mich gebeten, einen Artikel über die Unterschiede und Auswirkungen von körperlichem und digitalem Arbeiten zu schreiben. Hier ist er nun.


Spüren im Freien


Man hört manchmal, dass Menschen versuchen, sich selbst zu spüren. Fand ich immer etwas esoterisch bzw. spirituell angehaucht. Und ich fand es auch immer absurd, dass es in unserer westlichen Welt klimatisierte Fitnessstudios gibt. Ich halte sie für ein extrem aussagekräftiges Bild unserer Gesellschaft, die sich im Alltag nicht spüren kann. Man arbeitet im Büro an einer hochtechnisierten Maschine, bekommt davon Rückenschmerzen und versucht diese in seiner Freizeit in einem geschlossenen Raum loszuwerden, wiederum an komplex konstruierten Maschinen. 


Jeder Bauer, jede Bäuerin dieser Welt, der/die nicht völlig hochtechnisiert arbeitet, ist täglich weit davon entfernt, sich auf ein Laufband zu stellen oder mit Hanteln zu pumpen. Denn das passiert schon bei der Arbeit! Man läuft und läuft und läuft, vom Acker zur Scheune, in die Küche, in das Lager, zurück zum Lager… und dann hebt man dort Schüsseln, Eimer, Unkraut, pflückt Beeren, jätet Unkraut, wäscht ab, mäht zwischen Obstbäumen etc. Man spürt seinen Körper, man spürt aber auch die Natur (dazu habe ich mal in einem Blog zu unserer Alm geschrieben, s. ). Wenn man einen Ausgleich braucht, dann ist es vielleicht eher das Buch am Abend oder einen Film – oder man freut sich, wenn Freunde oder Familie zu Besuch kommen, denn Gesellschaft bzw. Kontakt zu Kollegen hat man tagsüber manchmal nicht. Meetings? Zoom-Calls? Fehlanzeige.


Rhythmus


Als ich Tobi heute im Auto auf dem Weg zum berühmtesten Tasmanischen Nationalpark gefragt habe, wo für ihn der größte Unterschied ist zu seiner alten Arbeit, sagte er: Wir haben einen anderen Rhythmus und die Arbeit fühlt sich mehr nach Leben an, weniger als Arbeit.

Man könnte das so knapp stehen lassen, aber dafür schreiben wir ja keinen Blog :-). Also: wir stehen um sieben oder acht Uhr auf. Eine Uhrzeit, zu der man früher von mir ein „Lass mich in Ruhe, ich schlafe noch!“ oder ein „Mach das Licht wieder aus!“ angegrummelt bekommen hat. Heute war unser freier Tag und um kurz vor acht war ich wach und ausgeruht. Die Sonne hat zum Fenster hereingeschienen und ich hatte Lust, die Tomaten vor unserem kleinen Cottage auszugeizen. Ich fasse zusammen: Freier Tag, morgens um acht, Lust auf „Arbeit“. 

Der Kontrast dazu war: sich morgens um halb neun aus dem Bett kämpfen, ins Bad schlurfen, in die Küche schlurfen, auf dem Weg den Computer anmachen, um neun Uhr (verratet nicht, liebe Kolleginnen, dass es meistens erst halb zehn war!) sich in eine Decke wickeln – auch im Sommer, weil mir immer kalt war, da mein Kreislauf nicht in Schwung gekommen ist – und beginnen, die Mails zu checken. Bis man abends nach einem Spaziergang durch den Münchner Vorort mit Reihenhäusern und dem immer gleichen Waldstück, um wenigstens einmal nach draußen zu kommen, sich aufs Sofa hat fallen lassen für den Fernseher. Leben hat dann am Wochenende noch stattgefunden.

So sehr ich meine Arbeit inhaltlich geliebt habe und für so sinnvoll und erfüllend ich sie auch gehalten habe. Die Art des Arbeitens war es nicht; und ich glaube, es war auch alles andere als physisch und psychisch gesund. Ich war intellektuell gefordert, organisatorisch, sozial und teils auch kreativ. Alles, von dem ich dachte, dass ich es benötige, um glücklich zu sein und meiner Verantwortung für meine Talente nachzukommen.

Seltsamerweise habe ich mich aber immer müde, oft körperlich und in meiner Konzentration ausgelaugt und oft gestresst gefühlt. Dabei habe ich „nur“ 32 Wochenstunden gearbeitet, dies aber mit allem, was ich hatte. Ich habe es quasi in den Computer gequetscht; in Tabellen, in Zahlen, selten in Texte, in die Moderation von Meetings, in unzählige Emails. Über meine Augen, meine Stimme und meine Finger in den digitalen Raum geschickt – in der Hoffnung, dass etwas Sinnvolles und Erfolgreiches dabei irgendwoanders herauskommt. Natürlich haben wir Erfolge gefeiert. Wobei „natürlich“ auf diesem schwierigen Feld des Kampfs gegen chemisch-synthetisch Pestizide nicht selbstverständlich ist. Natürlich gab es geniale Mitgliederversammlungen und Pressekonferenzen, in denen ich richtige Freude und auch Selbstwirksamkeit gespürt habe.


Leben


Aber ehrlich gesagt, bringt einem im Alltag nur sehr selten eine Mail so viel Freude wie ein voll gepflückter Eimer voller Blaubeeren oder das Wiehern eines Pferdes, das auf einen zugetrabt kommt. Es ist kein Zuckerschlecken in der Landwirtschaft zu arbeiten und es ist immer wieder auch körperlich unangenehm. Aber der täglich sichtbare Erfolg, der Kontakt mit Tieren, die schlichtweg nicht kompliziert sind, und die körperliche, um nicht zu sagen sportliche Arbeit, führt dazu, dass ich physisch und psychisch gesünder, ausgeruhter, stärker und zufriedener bin. Wir leben hier mehr jeden Tag, es ist weniger das Gefühl von Arbeit, mehr das von einem vollen Leben. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Kontakt mit der Natur, alleine der permanente Aufenthalt IN der Natur, DRAUSSEN, elementar zu dieser Wahrnehmung von weniger Stress, einem Ausgefülltsein in allen Sinnen und die Unmittelbarkeit der Tätigkeit zu einem erfüllterem Gefühl von Leben beitragen.


Stress


Wer von euch hat schon einmal eine Kuh angeschoben? Oder an einer Tomatenpflanze gezogen, damit sie wächst?

Im Gegensatz dazu: Wer hat schon mal versucht drei verschiedene Emails zu schicken, um jemanden dazu zu bringen, etwas rechtzeitig abzugeben? Oder eine EU-Verordnung zu ändern? 


Letzteres braucht Jahre, wenn nicht Jahrzehnte – und tausende Menschen. Im Vergleich dazu wächst eine Tomatenpflanze größtenteils von selbst, jedes Jahr neu für eine Saison. Vielleicht ist das das Schönste an der Landwirtschaft, nämlich dass ein Teil der Arbeit von der Natur selbst erledigt wird. Diesen Teil kann man unterstützen und ein wenig steuern. Aber am Ende sind wir darauf angewiesen, dass Pflanzen und Tiere von selbst leben. Die Kuh gibt nicht mehr Milch, nur weil ich sie schneller in den Stall bugsiere oder melke. Und sie gibt auch nur zweimal am Tag Milch – die ständige Verfügbarkeit in der modernen Arbeitswelt (ich arbeite, wann ich will!) funktioniert auf einem Hof schlicht weg nicht. Man muss das Heu machen, wenn das Wetter es zulässt. Man arbeitet im Gewächshaus, wenn das Wetter es zulässt. Und man melkt die Kuh, wenn die Kuh es zulässt ;-). Diese starke Determiniertheit von Abläufen – Jahreszeiten, Wachstumszeiträume, Reifung – sind sehr hilfreich und auf eine bestimmte Art stressfrei. Man muss sich nicht jeden Tag fragen, welche Arbeit zu tun ist, denn man sieht sie. Man muss sich nicht jeden Tag motivieren, denn die Arbeit ist durch ihre einfache Notwendigkeit festgelegt. Man muss sich nicht jeden Tag fragen, ob man etwas Sinnvolles tut; denn essen müssen wir alle jeden Tag und die Nahrungsmittel zu produzieren ist eine Voraussetzung menschlichen Lebens. Und die Natur ist geduldig. Tomaten hängen auch ein paar Tage länger am Strauch, man muss sie nicht innerhalb von fünf Minuten ernten, sobald sie fertig sind. Ganz anders bei einem Zoom-Call mit dem Landwirtschaftsminister, zu dem man besser nicht fünf Minuten zu spät kommt. Die Natur verzeiht, wenn man dem Baum ein paar Blätter zu viel abschneidet (meistens), sie fordert einen zwar heraus (Unkraut), aber sie verlangt im Grunde genommen keine schnellen, komplexen Entscheidungen direkt von uns.


Der Stress, der durch die hohen Anforderungen in unserer modernen Arbeitswelt entstanden ist, möglichst alles nebeneinander und sofort zu erledigen, kostet viel Kraft im Alltag. Denn es ist digital so viel möglich, wenn man schnell tippen kann. Ich habe immer gesagt, mein Zehnfinger-Schreibkurs war das Wichtigste was ich in der Schule gelernt habe. Aber vielleicht auch der größte Fluch? Geschwindigkeit verursacht größten Stress – und in der Landwirtschaft sind wir durch die natürlichen Kreisläufe beschränkt in der Schnelligkeit, in der Dinge überhaupt zu einem Erfolg gebracht werden können. Ehrlich gesagt, fühle ich mich mit dieser Limitierung sehr wohl, sie passt mehr zu meinem Wesen als Mensch, der ebenfalls dieser natürlichen Umgebung entstammt und sich darin angemessen schnell bewegt.


Generalisierung


Insgesamt vermute ich, dass es sehr vielen Menschen so ähnlich geht. Manch einer mag zufrieden sein mit dem Bürojob und dem Fitnessstudio oder dem täglichen Joggen durch den Stadtpark. Wunderbar. Aber fast alle unserer Freunde haben in den letzten Wochen und Monaten zu uns gesagt: Ihr macht es richtig… ich würde auch am liebsten… nutzt die Zeit, das hätte ich auch machen sollen… macht weiter so, das ist ja so toll… wie schön, da wäre ich auch gerne… ich würde jetzt am liebsten auch Kühe streicheln… Ich habe mir oft überlegt, wie man für die gesamte Gesellschaft einen Ausgleich schaffen könnte. Und eigentlich verstehe ich nicht, warum wir als Stadt- und Land- bzw. Büro- und Bauernmenschen nicht mehr zusammenarbeiten. Jeder Bauer wäre um Hilfe dankbar – viele Stadtmenschen brauchen einen physischen Ausgleich. Warum kommen nicht jeden Nachmittag oder am Samstag die Stadtmenschen auf die Höfe und helfen dort mit? Sie würden sich den Mitgliedsbeitrag für das Fitnessstudie sparen, pures Glück erfahren bei der erfolgreichen Ernte, sie würden Nahrungsmittel mehr wertschätzen und der Bauer könnte vielleicht den Sonntag auch mal frei haben, weil am Samstag so viel getan wurde. Es wäre eigentlich nicht schwer, oder? Vielleicht gibt es so eine Initiative schon oder vielleicht macht der ein oder andere bereits so etwas. Wenn nicht, dann suche ich hiermit Interessenten, die mit mir so etwas aufbauen wollen! Für mehr Glück, Gesundheit und bessere Nahrungsmittel für alle.


Von Glück und Notwendigkeit 


Meine von Zeugnissen bestätigten Talente mögen mich vielleicht für ein anderes Arbeiten prädestinieren. Ich komme aber immer mehr zu der Erkenntnis, dass meine oberste Priorität im Leben nicht die Leistung und die Ausnutzung aller Talente ist, sondern das Erfahren von Glücklichsein mit einem Leben, in dem man etwas Gutes für diese Welt bewirkt. Ich hoffe, dass mein Gefühl und meine Empathie für unsere Welt meine eigentlich größten Talente sind – in engen Kontakt mit der Natur zu Leben und zu arbeiten ist zugleich aber auch die Notwendigkeit für mein eigenes Glück.


Ps: Für eine kleine witzige Anekdote nach diesen grundlegenden Zeilen. Ich trinke wieder Bier. Fast zehn Jahre habe ich kaum ein Bier angerührt, ich möchte es nicht mehr. Nach einem schweißtreibenden Tag, an dem wir hunderte Bäume im heißen Nordaustralien abgehackt haben, sind wir in den Schatten des großen Baumes am Hof gefallen und haben eiskalte Bierdosen zugeworfen bekommen. War das gut!!!


Pps: Meine schlaflosen Nächte sind verschwunden, ich bin auf unserer Alm in kürzester Zeit weggepennt. Und auch auf den Farmen schläft man lange und ruhig, um den Körper erholen zu lassen.


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von Johanna Baer 12. Januar 2026
Am zweiten Januarwochenende hat mir Tobi auf einer sehr lustigen Familienfeier jemanden mit den Worten vorgestellt: da ist jemand ein Fan von uns 😊. Und mir ist das Herz aufgegangen. Uns hatten auf dieser großen Feier von Tobis großem Bruder schon einige Menschen gesagt, wir toll sie unsere Erlebnisse und Unternehmungen finden. Mit am nettesten war die Begrüßung: „Oh Tobi, der Kleine! Du bist genau wie früher und bringst allen Schnaps“, denn Tobi war damals in der Musikkapelle immer einer der Jüngsten gewesen. Dass er nun fast alle überragt, hat niemanden davon abgehalten, in den Kleinen zu nennen und völlig überrascht zu sein, dass er schon seit über sechs Jahren verheiratet ist… Aber zurück zu unserem Fan 😊. Es hat sich herausgestellt, dass die liebe Bekannte immer so gerne unsere Berichte und kleinen Posts liest und sich richtig darüber freut, wenn wir etwas schreiben. Das war so schön zu hören, denn oft sitze ich vor meinem PC und frage mich, wer das liest und ob das überhaupt Sinn macht, zu schreiben. Es ist zwar in jedem Fall auch wie ein bisschen ein Tagebuch für uns, aber als Buch wollte es bisher auch keiner herausbringen. Also wird es wohl einfach weiter ein Blog sein, aber einer, den ich auch wieder mehr wertschätze, weil ich weiß, dass es doch einige liebe Menschen gibt, die ihn gerne lesen! Das Jahr 2025 haben wir kaum etwas geschrieben, also werde ich jetzt einen kurzen Jahresdurchgang machen. Vom Obstbäumeschneiden in Niederbayern über wunderschöne arbeitsreiche Monate auf einer Schweizer Alp und einer kleinen Tour de France, die schließlich in eine echte Auszeit in der Bretagne gemündet ist. Winter und Frühling Vielleicht passt Winter und Frühling ganz gut zu den beiden Orten, an denen wir in den ersten Monaten des Jahres 2025 gearbeitet haben. Einerseits war Tobi in einem Seminarhaus an unserem damaligen Wohnort tätig, andererseits haben wir beide beim Streuobstbetrieb Stöckl in Niederbayern gearbeitet. Es fällt mir schwer über die frostige, winterliche Zeit am ersten Ort zu schreiben, denn es hat sich herausgestellt, dass dort nicht der richtige Ort für uns war. Auch wenn wir dort viele sehr nette Menschen kennengelernt haben und im Jahr zuvor einen ganzen kleinen Gemüsebetrieb aufgebaut haben (mit Gewächshaus und Businessplan etc.), haben manche Begegnungen dazu geführt, dass wir sehr traurig und psychisch heftig angegriffen nach einem anderen Wohn-, Arbeits- und Lebensort gesucht haben. So viel zu diesem Winter-Teil, wer mehr wissen möchte, darf sich gerne direkt an uns wenden! Der parallel verbrachte Frühling bei Familie Stöckl in Niederbayern, so nennen ich es jetzt mal, auch wenn es manchmal fünf Grad und Nieselregen waren, haben uns oft über die schwierigen Zeiten weitergeholfen. Gemeinsam bei Sonne, Regen, Wind und Wetter die Obstbäume in Zentralbayern so zu schneiden, dass sie optimal wachsen und qualitativ hochwertige Früchte tragen, hat im gemeinsamen Team immer Freude gemacht. Selbst wenn man mit der Mistgabel dem Anhänger hinterherläuft, um den Mist auf der 2 Hektar großen Wiese unter den Bäumen mit Schwung zu verteilen, ist die Arbeit immer wohltuend, nie stressig, aber durchaus herausfordernd und vor allem sehr zufriedenstellend gewesen. Auch die Tage, die ich im Büro verbracht habe, habe ich in guter Erinnerung. Nicht nur, weil immer ein Kaffee und ein Schwätzchen in der Küche mit jemandem aus der Familie möglich ist, sondern auch, weil es ich zwar nach wie vor eine sitzende Tätigkeit vor einem Bildschirm nicht mag, aaaaaaber die Verwaltung eines Betriebs nun einmal sein muss und ich dabei einen Beitrag leisten kann. So nutzt das Computer- und Verwaltungswissen einem guten Zweck und Selbstwirksamkeit hat ja noch keinem geschadet! Der wirtschaftliche Streuobstanbau ist für mich ein Betriebszweig, der wirklich Sinn macht – dort werden Umweltschutz und regionale Lebensmittelversorgung, lokal verfügbare Arbeitsplätze mit hohem Weiterbildungs- und Verwirklichungspotential und der Schutz der Biodiversität zukunftsfähig zusammengedacht. Außerdem haben wir die lustigste Fortbildung unseres Lebens gemacht und sind jetzt Staatliche geprüfte Obstbaumpfleger. Nach vier Ausbildungswochenenden in Passau, so viel Lachen, wie man sich niemals vorstellen kann, ein paar geschnittenen Bäumen, einer saftigen Prüfung haben wir Freunde fürs Leben gefunden und dürfen jetzt ganz offiziell Förderungen aus dem Streuobstpakt beantragen…(oder so ähnlich). Wir haben lange überlegt, ob wir nicht gleich nach Niederbayern ziehen und zu echten Streuobst-Mit-Bauern werden, aber der Drang, nochmal etwas Neues kennenzulernen, war dann doch größer und wir haben uns ziemlich spontan eine Schweizer Alp gesucht. Denn auf die Frage, was wir am liebsten arbeiten, lautet die Antwort scheinbar alle paar Jahre wieder: „Zwischen Kühen sitzen!“ Deshalb haben wir Anfang Mai unser Hab und Gut in einen Container geräumt (Spoiler-Alarm, dort ist es noch immer!) und den Rest in unser Auto gepackt. Auf dem Weg in die Schweiz, wo wir bereits erwartet wurden, denn die Kühe waren dank des milden Frühlings schon ohne uns auf der Alp, ist uns unser Auto mitten auf der Bundesstraße ausgegangen. Wir dachten beide, wir spinnen. Nach super stressigen Umzugs-/Putz-/Erledigungstagen hatten wir alles in das Auto gequetscht und dann geht es einfach aus. Und es war leider keine einfache Panne, sondern der Motor war kaputt. Ja, richtig gehört, Zahnriemen gerissen, kurz nach der Gewährleistungsfrist und keine Werkstatt, die das so einfach richten kann. Kostenaussicht 5.-10.000€. Wir waren mental so fertig, dass wir eigentlich gar nicht mehr wussten, ob wir lachen oder weinen sollen. Gottseidank neigen wir beide in solchen Situationen nicht zum Verzweifeln, sondern zum sofortigen Handeln und so waren wir ein paar Stunden nach der Panne, in einem zu kleinen Mietwagen mit nur der Hälfte von unserem Zeug, auf der Autobahn Richtung Schweiz. Völlig ungeplant haben wir dann die Nacht mal wieder bei unseren lieben Freunden auf einem Schafshof bei Mindelheim verbracht, zum Weiterfahren war es einfach zu spät. Und am nächsten Tag waren wir in der Schweiz – auf der Alp – und sind dort eingezogen. Das Drama, wie unser Auto schließlich doch noch repariert worden ist, wie der Mietwagen NICHT zurück an den richtigen Abgabeort gekommen ist und wie sehr wir uns mit der Autovermietung gestritten haben, lasse ich an dieser Stelle aus. Sonst rege ich mich zu sehr auf und ich glaube, das habe ich damals schon genug getan. Seltsamerweise wird alles irgendwann gut – auch wenn es uns zwei Monatsgehälter gekostet hat. Das ist wohl der Preis für das Alles-Gut-Werden, aber im Grunde genommen – und das habe ich von Tobi gelernt – ist es „nur Geld“. Nicht unsere Gesundheit, nicht ein schlimmer Unfall und nicht unser Lebensglück. Zum Thema Geld, ich glaube, das ist ein wichtiges Thema, gerade bei „Weltreisenden“ oder wie sie gesehen werden 😊. Es mag sie geben, die Menschen, die mit null Euro Startguthaben oder auch nur mit 2000 Euro auf dem Bankkonto um die Welt ziehen. Wir waren das nie und werden das auch nicht sein; denn finanzielle Sicherheit ist mir unglaublich wichtig. Die Frage, woher wir das Geld haben, so viel zu reisen oder nicht jahrelang demselben akademischen Job nachzugehen, hat viele Facetten. Die erste und wichtigste ist, dass wir beide unglaublich großzügige Eltern und Verwandte haben. Wir haben beide ein Studium finanziert bekommen, dazu teilweise auch noch die Mieten als Studenten und wirklich großzügige Geschenke zu Weihnachten, Geburtstagen oder auch einfach sonst einmal. Dafür sind wir unendlich dankbar, denn das Glück, in Familien aufzuwachsen, die uns finanziell und emotional mehr als nur eine stabile Basis gegeben haben, ist weltweit sehr selten. Auch aus diesem Grund schreiben wir über unsere Erlebnisse – damit alle, die es gerne möchten, aber aus verschiedenen Gründen nicht können oder wollen, diese ein bisschen miterleben. Wenn wir das alles erleben dürfen und können, dann möchten wir es so vielen Menschen wie möglich auch zur Verfügung stellen. Dieser familiäre Grundstock hat es uns dann ermöglicht, zu sparen und wir sind während unserer Studien beide auch Studentenjobs nachgegangen. Und schließlich haben wir beide gut bezahlte Jobs (für den sozialen Bereich 😉) gehabt, in denen wir einige Jahre lang gearbeitet haben. Auch wenn wir natürlich viel Geld für die Miete in München und Umgebung ausgegeben haben, pflegen wir außer unseren Reisen und gutem, ökologischem Essen keine kostspieligen Hobbies (okay, das mit dem Tauchen hätten wir nicht anfangen sollen, wenn es danach geht). Sagen wir mal, wie haben keinen kostspieligen alltäglichen Lebensstil – keine unnötigen Amazonbestellungen, kein Schmuck, keine schicken Autos, keine technischen Gadgets, wenig Klamotten und Schuhe, kaum Deko – wobei ich finde, wir haben eh unendlich Kram! – und vermutlich vergesse ich all die Dinge, an die wir einfach nie denken würden, sie zu kaufen. Also zum Beispiel auch kein Haus, kein Grundstück, kein Darlehen dafür und keine finanziellen familiären Verpflichtungen. Das Allerwichtigste finde ich, dass jeder das für sich macht/kauft/tut, was zu ihm passt. Bei uns sind es eben die Reisen, dafür aber viele andere Sachen nicht, die für andere Menschen wichtig sind. Bei all unseren Jobs achten wir darauf, dass wir genug verdienen, um unseren Alltag und die Zeiten der Reisen finanzieren können und nebenher noch etwas für die Rente zur Seite zu legen. Also nein, wir sind nicht die Mit-Null-Euro-Um-Die-Welt-Backpacker. So mutig (?) wären wir nie und wollen es auch nicht sein. Vielleicht ist damit das Geheimnis um unsere Weltreise-Geldbeutel gelüftet 😊. Da ich völlig vom Thema abgekommen bin, werde ich über die 22 gemütlichen Schweizer Milchkühe, das kleine Kälbchen und die Tonnen an Käse aus Miraculix Kupferkessel das nächste Mal schreiben! Ich freue mich, wenn ihr dabei seid!
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